Mehr als ein Maler sollen die Künstler sein: „Sie sollen die heiligen Gefäße sein, durch die ein Mysterium in Erfüllung geht... Sie sollen die Rufenden in der Wüste sein, die Steinadler auf den Wipfeln...“ Das schreibt Ephraim M. Lilien im Juli 1905 seiner späteren Frau Helene Magnus. Für ihn, den damals schon bekannten Jugendstilgraphiker, Illustrator der Zeitschrift Jugend, des Süddeutschen Postillons, des Gedichtbandes „Juda“ von Börris von Münchhausen zum Beispiel, ist das hohe Ziel die Begründung eines kulturellen Judentums. Dem Kulturzionismus dient er mit seinen Zeichnungen zur heiligen Geschichte, mit Vorträgen und als Delegierter auf Kongressen. 1901 wird der Jüdische Verlag, für den Lilien zusammen mit Martin Buber und Berthold Feiwel u. a. arbeitet, als ein Forum jüdischer Kultur eingerichtet. Ein typisch jüdischer Künstler, so sehen ihn seine Zeitgenossen. Als solcher feiert er 1911 und 1914 (schon vor dem Hintergrund heftiger polnisch-jüdischer Auseinandersetzungen) mit Ausstellungen in Lemberg, Krakau und Warschau große Erfolge. Lilien, Sohn eines bescheidenen Drechslers aus Drohóbycz, ist Ostjude. Helene Magnus stammt aus einer angesehenen Familie assimilierter Westjuden. Sie kennt Lilien aus seinen Zeichnungen und Buchillustrationen und aus einer Monographie, die Liliens Freund Stefan Zweig herausgegeben hat. Die junge Frau, die selbst Künstlerin werden will, bewundert Liliens Werk. Was sie nicht versteht, sind seine zionistischen Ideen. So schreibt sie einen Brief: der Anfang einer langen Korrespondenz. Lilien antwortet. Er erzählt von seinen Zielen, von seinem Leben, von seinen Freunden und Bekannten. Er schickt ein Photo. Sie schickt eins. Nach einem guten halben Jahr sehen sich beide. Schon kurze Zeit darauf zeigt Lilien seinen Eltern ein Bild ihrer zukünftigen Schwiegertochter. Helenes Eltern, mißtrauisch dem zionistischen Künstler gegenüber, stimmen erst nach langer, stolz geführter Werbung zu. Eine Auswahl der Briefe, die Lilien bis zu seinem Tod 1925 an seine Frau schrieb, sind jetzt im Jüdischen Verlag erschienen, reich bebildert mit Exlibris, die Lilien für seine Freunde und Bekannten schuf, mit Beispielen seiner Buchillustrationen und späteren Radierungen. (E. M. Lilien: „Briefe an seine Frau. – 1905-1925“, herausgegeben von Otto M. Lilien und Eve Strauss, mit einer Einleitung von Ekkehard Hieronimus; eine Veröffentlichung des Leo Baeck Instituts; Jüdischer Verlag im Athenäum Verlag, Königstein, 1985; 301 S., Abb., 68,– DM.) E. v. R.