Aber nur mit Technik lassen sich die Probleme nicht lösen

Von Ralf Dahrendorf

Lothar Späth hat ein Buch geschrieben. Der erfolgreiche Ministerpräsident eines erfolgreichen Bundeslandes will nun nicht mehr nur gewählt, sondern auch gelesen werden. Das fällt selbst dem Bewunderer (und Nutznießer) baden-württembergischer Erfolge nicht unbedingt leichter. Denn Neues hat Ministerpräsident Späth nicht zu sagen. Sein Buch zeichnet sich weder durch subtile Analysen noch durch originelle Ideen, weder durch ein überraschendes Verstandnis geschichtlicher Entwicklungen noch durch bisher unerhörte Zukunftsvisionen aus. Was er im Stakkato einer oft eingängigen „High Tech“-Umgangssprache mitteilt, ist indes eine konsequente Position und mehr, eine Antwort auf die Max-Weber-Frage, woher denn in einer verharzten Welt das Neue kommt. Erfahren wir also nicht viel von Späth über die wirkliche Welt, so sagt uns sein Buch doch manches über den Autor:

Lothar Späth: Wende in die Zukunft. Die Bundesrepublik auf dem Weg in die Informationsgesellschaft; Rowohlt Verlag, Reinbek 1985; 288 S., 28,– DM.

Von allem obligaten Wenn und Aber befreit, ist Späths Botschaft diese: Die Technik ist unser Schicksal. Immer schon hat Technik den Fortschritt bewegt. Wer den Anschluß verpaßt, ist zum Niedergang verdammt. Daher hängt unsere Zukunft von der Bereitschaft ab, frohgemut in die Informationsgesellschaft zu gehen. Das fällt der Bundesrepublik, ja Europa überhaupt schwer. Es kommt daher alles darauf an, diejenigen an die Spitze zu bringen, die es wollen, auch in der Politik. Alles übrige regelt sich dann schon von selber.

„Die Technik“ ist bei Späth nicht nur im grammatischen Sinne das bevorzugte Subjekt. „Selbst eine so wandlungsdynamische Kraft wie die Technik tut sich schwer, ohne politische und gesellschaftliche Unterstützung Altes durch Neues zu ersetzen.“ Da fällt einem weniger Späths „Landsmann“ Hölderlin ein (als solchen zitiert er ihn zur Erhöhung der These, „Versöhnung ist mitten im Streit“) als vielmehr der andere Landsmann Hegel. „Die neuen Technologien sind für alle Völker, die sie anwenden und fortentwickeln können, ein aus Vernunft und Gewissen abgeleiteter Auftrag, dies auch zu tun.“ Hegel hätte sich das „Gewissen“ vielleicht erspart, aber der Atem des Weltgeistes ist auch bei Späth spürbar. Selbst an Marx könnte man denken: „Es kommt nicht darauf an, was dieser oder jener... sich einstweilen vorstellt...“ Es kommt nur darauf an, was Menschen zu tun gezwungen sind, auf überpersönliche Geschichtsmächte.

Geschichte? Sie kommt eigentlich bei Späth nicht vor. Einmal spricht er von der industriellen Revolution, jene „durch Technik bestimmte Neugestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft“. Ansonsten ist das, was Menschen tun, eine ganz unmenschliche Naturgeschichte: „Die Evolution schafft sich in dem Moment, da die Komplexität der Welt das menschliche Erfassungs- und Kontrollvermögen zu übersteigen beginnt, künstliche Hilfsmittel.“