Wieder einmal sind die Beziehungen zwischen der Bundesregierung und den Gewerkschaften auf einem Tiefpunkt angelangt. So kriegerisch wie derzeit war das Vokabular auf beiden Seiten lange nicht. Die Arbeitnehmerorganisation rüstet zum Verdruß der Koalition für eine Aktionswoche gegen den Sozialabbau; die Regierung droht mit Änderungen von Gesetzen, die an den Lebensnerv der Gewerkschaft rühren.

Dabei schien die Verhärtung, die seit der Kanzlerschaft Helmut Kohls das Verhältnis prägte, inzwischen dem Bemühen um Sachlichkeit gewichen zu sein. Immerhin war es dem Regierungschef Anfang September gelungen, zum erstenmal in seiner Amtszeit Arbeitgeber und Gewerkschaften an einen Tisch zu holen. Damals deutete sich das Ende einer langen Sprachlosigkeit an.

Doch kaum vier Wochen später ist der mühsam gesponnene Faden wieder gerissen. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn Regierung und Arbeitnehmervertreter im Gespräch blieben. Frei von Gegensätzen werden ihre Beziehungen ohnedies nie sein; dazu sind die Unterschiede in der Beurteilung der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu groß. Aber verbale Kraftmeierei nutzt niemandem. Schließlich braucht die Union auch die Stimmen der Beschäftigten, um die nächste Wahl zu gewinnen. Die Gewerkschaften brauchen Verbündete in der Regierung, die ihre Standpunkte vertreten. Taktik und Vernunft erfordern einen Brückenschlag (siehe auch S. 19). ms