Ursula Krechels neue Gedichte „Vom Feuer lernen“

Von Gerhard Stadelmaier

Wie lange braucht man zu Lyrik? (Als Leser.) Mit vielem was an deutschen Gedichtbänden in den letzten Jahren erschien, war man immer sehr rasch fertig: Poesie im Vorüberfliegen, weiche Gebilde, kaum konturiert. Der sinnliche Eindruck war immer: Watte. Leicht Dahergesagtes oder der Welt Hinterhergeworfenes. Das Wesentliche daran leistete der Metteur, der brach die Zeilen, brachte das Enjambement zum Hinken – und so wurde alles zu Gedicht; die Predigt so gut wie der Leitartikel, der Wäschezettel ebenso wie die Bordellrechnung. Die Fünf-Minuten-Ei-Literatur: kurzgekocht und wachsweich.

Seit der Roman freilich sich einer Allerleirauh-Prostitution ergab und das Beliebige zur Gattungsform erkor, zum Beispiel die Predigt so gut wie den Wäschezettel, hat das Gedicht sein Exklusivrecht am Beliebigen vollends eingebüßt, nach allen Seiten offen, also schon lange nicht mehr dicht – nur daß man’s ihm schneller anmerkt. Prosa kann länger bluffen. Auch deshalb gibt es noch Vorstellungen vom Romancier, wie er „zu uns“ gehören könne. Ihm sind unsere Ohren noch leidlich offen, manchmal sogar zitieren wir den einen oder anderen: als sitze er bei uns zu Tisch, klugsagend, was zu erzählen sei.

Vom Lyriker aber haben wir fast keine Vorstellungen. Er ist als öffentliche Person verschwunden. Er ist weder für noch bei uns. Er ist wohl immer nur ein Bändchen mit ungefähr achtzig Seiten. Aber sichtbar ist er nicht.

Jetzt aber ist’s (mir) so, als tauche, nebenan auf dem öffentlichen Platz, zwischen Kaffeehaustischchen eine bemerkenswerte Gestalt auf, flanierend, kritisch um sich guckend; in Hausflure spähend, wo sie Kacheln und Wände rezensiert; über alte (Kinder-)Bilder gebeugt, die in den Galerien der Erinnerung hängen, und hinter jedem geröteten Babyauge entdeckt sie ein Fieber, und das ist komisch. Mitten in der schönsten Stadt-Zivilisation erschnuppert sie Herbst- und Kartoffelfeuer, auch Mostbirnen-Dämpfe – und die schließt sie „kurz“ mit ein bißchen Apokalypse, und das ist tragikomödiantisch. Überhaupt ist sie Düften, Geschmecktem und Gestimmtem auf der Spur. Sie macht sich aus ihrer Zeit das Sinnlichste. Ihre Zeitkritik hat was mit Zungennerven zu tun, der Methode der Schlangen. Und dann spreizt sie sich auch, bläst die Backen, spuckt (Metaphern). Aber sie hat immer was zu sagen.

Mit dieser Lyrikerin, Ursula Krechel, auf die man in dem Band „Vom Feuer lernen“ stößt, wird man auch in fünf Minuten nicht fertig. Sie ist härter. Sie „funkt“, sie ist eine Meisterin des „Kurzschlusses“. Sie rückt das Unvereinbare so dicht aneinander, daß es sich gegenseitig elektrisch entlädt. Zum Beispiel die Welthölzer, die roten Köpfchen des Zündholzmonopols, neben den Weltenbrand. Das Kleinste neben das Größte, das Lächerlichste neben das gräßlich Erhabenste. Oder die „Liebenden“: zwei unpassende Personen, er wohl ein Fundamentalsozialist, wenn das nicht schon zu viel gesagt ist, sie eine Gefühlsgrüne, wenn das nicht zu wenig gesagt ist. Das geht aus witzig-politischen Gründen nicht zusammen, die Thesen sind viel zu tief. Aber wie Ursula Krechel dann noch Mond und Berge und Tal, und Schulter-an-Schulter, Gestirne, Leiber und Kobolde ins Spiel bringt, also das Nur-Romantische und das Nur-Aktuelle sich angemessen-unangemessen „befunken“ läßt, das ist mehr als nur hübsch. Hier werden die Romantik, die Sage, das Märchen dazu gebraucht, um auszudrücken, „was nicht mehr geht“. Und das, was nicht mehr geht, wird dazu gebraucht, damit es sich eindrücke und Spuren bilde: in alten, fernen Bildern. Insofern sind diese Krechel-Gedichte zu ungefälligem Gebrauch.