In ihren beiden Prosabänden läßt Lisa Witasek ihre Figuren in Fallen geraten, von denen ungewiß bleibt, ob sie sich daraus befreien werden: aus den gewöhnlichen Höllen störbarer und zäher Beziehungen, aus den Verstrickungen von Selbstbehauptungs- und Nähewünschen und der Behinderung durch alte Erlebnismuster.

Anpassungsbemühungen und Fluchtversuche: im ersten Buch „Die Umarmung oder Das weiße Zimmer“ wird die Anstrengung der Ich-Erzählerin Karin, sich in einer Wohnung am Wiener Franz Josefs Kai in einer für sie lebbaren Ordnung einzurichten, durch ein zerstörerisches Zusammenspiel mit ihrem Mitbewohner unterminiert. Dieser Stephan Kaminski, selbstherrlich und überempfindlich, kritisiert verächtlich ihren Wirklichkeitssinn und drängt sich selber als Maßstab zur Beurteilung der Welt auf; gleichzeitig führt er ein Rückzugsgefecht, fühlt sich ständig durch die Aussicht auf Nähe bedroht, den unsichtbaren Kräften des anderen ausgeliefert, „ferngelenkt“. Mehr oder weniger unvermittelt, dem Leser die Interpretation überlassend, sind Assoziationen und Erinnerungen Karins eingerückt, Todeswünsche und kindliche Mordanschläge gegen ihren von den Eltern bevorzugten Bruder.

Explizitere Zusammenhänge, eine komplexere Situation und vielfältigere Perspektiven finden sich in der Erzählung „Friedas Freund“. Das Mädchen Frieda probt den Ausbruch aus der Liebes- und Für-Sorge durch die Mutter, in deren Augen „Frieda und sie ein einziger Mensch“ sind. Frieda verfängt sich in den Widersprüchen zwischen einer noch unbestimmten Sehnsucht nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Schutz, nach „unausrottbarer Sicherheit“. Als personifizierter Verheißung des „Anderen“ schlechthin verfällt sie rettungslos der Faszination Konrad Glimmers, eines gesellschaftlichen Outcasts und Spielers: „Lieber wäre er fremd, sagt er oft.“ „Nichts an ihm ließ an etwas Sicheres denken.“

Er wird zur Galionsfigur einer Gegenwelt: langes schuppiges Haar, Golddrahtring im Ohr, speckiger Hosenboden, Nägelbeißen und die Gewohnheit, bis in den Tag hinein zu schlafen gegen Biedermeiermöbel, Hubertusmäntel, den Geruch nach Bodenwachs und den Sinn für Ordnung und Pflichterfüllung.

Trotzdem durchdringen sich die Codes der Mutter und der Tochter; in der Annäherung an Konrad, der „einzigartig und schrecklich“ ist für sie, stehen Frieda keine anderen Modelle zur Verfügung als die mütterlichen: Als Liebesziel formuliert sie den Wunsch, gebraucht zu werden, unentbehrlich zu sein. So entsteht in einer gleitenden Verschiebung der Gefühle eine Kreiselbewegung um ein leeres Zentrum: Die Mutter wartet auf Frieda, Frieda auf Konrad, Konrad auf den Moment, in dem er das Spielcasino aufsuchen kann.

Lisa Witasek zwingt den Leser nicht zu identifikatorischer Anteilnahme, sie hält Abstand von ihren Figuren, zeigt sie im Feld von Abhängigkeiten und unentschiedenen Emotionen. Sorgfältig gearbeitete Texte: Die kunstvolle Einfachheit ihrer Prosa verweist nicht nur auf eine Auseinandersetzung mit der Tradition österreichischer Gegenwartsliteratur, sondern die Ökonomie der Wörter, die Konstruktion einer reduzierten Welt scheinen gerade auch die Zwänge der handelnden Personen zu simulieren, ihrem eingeschränkten Blickfeld zu entsprechen. Elisabeth Wiesmayr