Von Gerhard Prause

Gerade 100 Tage war der Deutsch-Französische Krieg im Gange: Bei Sedan waren die Franzosen entscheidend geschlagen worden, und Kaiser Napoleon III. war in Gefangenschaft gegangen. Da wandte sich der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck, der mit diesem Krieg die Einigung Deutschlands unter preußischer Führung anstrebte, am 29. Oktober 1870 an den Gesandten der Vereinigten Staaten in Paris, der dort während des Krieges die preußischen Interessen vertrat:

„Mein Herr! Nach glaubwürdiger Mitteilung ist Dr. Fontane, ein preußischer Untertan und wohlbekannter Geschichtsschreiber, auf einer wissenschaftlichen Reise in französischen, durch deutsches Militär besetzten Distrikten verhaftet und nach Besançon abgeführt worden, wo er in Lebensgefahr zu sein scheint. Ich bitte Sie daher die Güte zu haben, formell seine Freilassung von der französischen Regierung zu verlangen und ausdrücklich zu erklären, daß wir im Weigerungsfalle eine gewisse Anzahl von Personen in ähnlicher Lebensstellung in verschiedenen Städten Frankreichs verhaften und nach Deutschland schicken und ihnen dieselbe Behandlung zuteil werden lassen, die dem Dr. .Fontane in Frankreich beschieden ist...“

Vorausgegangen war dies: Der 51jährige Theodor Fontane (der übrigens keinen Doktortitel hatte und als Schriftsteller noch ziemlich unbekannt war; sein erster Roman erschien erst 1878) war den preußisch-deutschen Truppen gefolgt, um sein drittes Kriegstagebuch zu schreiben. Das erste und zweite hatte er über die preußischen Kriege von 1864 und 1866 geschrieben, zunächst als Reportagen für die Berliner „Kreuzzeitung“, die dann auch in Buchform erschienen. In Frankreich hatte Fontane einmal das von preußischen Soldaten kontrollierte Gebiet verlassen, um sich Domremy anzusehen, den Geburtsort der Jeanne d’Arc. Dort wurde er unter dem Verdacht, ein preußischer Spion zu sein, festgenommen. Seine Legitimation, die ihn als Nichtkämpfer auswies, erkannten die Franzosen nicht an, weil er mit einem Revolver und einem Stockdegen bewaffnet war. Nach einem Weg durch mehrere Gefängnisse kam Fontane auf die Insel Oleron vor der französischen Atlantikküste, wo sich seine Gefangenschaft, die er bald ausführlich beschrieb, nun allerdings durchaus nicht lebensbedrohlich anließ.

Auf der Kommandantur, „das Ganze mehr idyllisch, nach Art einer Pfarrwohnung, als kommandanturhaft-militärisch“, wurde er dem Kommandanten, Capitaine Forot, vorgestellt. Er „bat mich, ihm in sein Zimmer zu folgen. Hier wurde ich den Damen vorgestellt, unter denen sich, neben der Frau vom Hause, eine hübsche blonde, eben erst verheiratete Elsässerin befand .. .“, die, „wie mir Capitaine Forot vertraulich versicherte, ihre Zeit... dahin anlegte, .vormittags Briefe zu schreiben und nachmittags zu weinen‘. Er setzte hinzu: ‚So ein Krieg, der in die Flitterwochen fällt, ist allerdings das Empörendste, was man sich denken kann.‘“

Capitaine Forot und Theodor Fontane, der sehr gut Französisch sprach (er entstammte einer Hugenottenfamilie und legte stets Wert darauf, daß sein Name französisch ausgesprochen wurde), kamen von Anfang an gut miteinander aus. Sie tranken „einige Flaschen Straßburger Bier“ zusammen („die junge Elsässerin präsentierte das vaterländische Gebräu und ich letzte mich nach 6 Wochen zum erstenmale wieder an einer Art Gerstensaft“). Und schon an diesem ersten Tag sagte der Capitaine zu seinem Gefangenen: „Ich sehe die Tage heraufziehen, wo Sie die Gefangenschaft auf Isle d’Oleron segnen werden; Sie werden einen guten Stoff gewinnen und Ihr zukünftiger Biograph einen noch besseren.“

Der Capitaine sollte recht behalten – und doch auch wieder nicht. Als Fontane im Dezember nach Berlin heimkehrte – infolge von Bismarcks Drohung, der die Geiselnahme dreier französischer Gelehrter gefolgt war (wovon Fontane nie etwas erfahren hat) –, hatte er den größten Teil seines Berichts über die Gefangenschaft fertig, so daß die Vossische Zeitung zu Weihnachten 1870 mit einem Vorabdruck beginnen konnte. Aber dies und die im nächsten Jahr folgende Buchausgabe „Meine Gefangenschaft“ und das Buch „Aus den Tagen der Okkupation“, ebenfalls von 1871, wurden keine Erfolge. Die Leser, dann die Buchhändler, vor allem die Kritiker zeigten sich enttäuscht. Das war nicht der große, heldenhafte, vaterländische Krieg, der alle deutschen Herzen höher schlagen ließ! Das Kriegstagebuch des Theaterkritikers Fontane war unkriegerisch. Es fehlte ihm an Feindeshaß und an jenem preußisch-deutschen Überlegenheitsgefühl über die Franzosen, in dem sich die Deutschen endlich zu einer einheitlichen Nation fanden.