Mit Bernd Hölzenbein, dem versoffenen Namensvetter eines berühmten Fußballspielers, hat der Frankfurter Otto A. Böhmer, geboren 1949 in Rothenburg ob der Tauber, offenbar eine Romanfigur geschaffen, die entschlossen ist, weiterzuleben. Ein Witzbold, Schwadroneur und Philosoph, auch ein Frauenheld der eher mitleiderregenden Sorte (triebhaft und egozentrisch, faul und infolgedessen ein bißchen fett, von Haarausfall und versteckten Selbstzweifeln geplagt) stellte er sich 1983 in Böhmers erstem Roman „Der Wunsch zu bleiben“ vor. „Der Ernst des Lebens hat (immer schon?) begonnen, aber noch ist der Spaß nicht zu Ende“, lautete der letzte Satz dieses Buches. Es könnte auch der erste Satz des neuen sein.

Hölzenbein, dieser liebenswerte, zuweilen kaum erträgliche Kauz, ist also wieder da. Er hat sich von der dritten Person zum Ich-Erzähler gemausert, ist mutiger, witziger, aber auch böser und aggressiver geworden. Er hat (wie sein Erfinder vermutlich) ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel, ein paar Gramm mehr auf den Hüften und ein paar Härchen weniger auf dem Kopf. Er hat seinen Beruf als Lektor in Frankfurt zugunsten der freien Schriftstellerei aufgegeben (wie sein Erfinder), was ihm allem Anschein nach aber nicht bekommt.

Da ergeht an Hölzenbein („Die Seinen fällt der Herr im Schlaf“) das Angebot, in der romantischen Stadt seiner Studienzeit den Vorsitz einer Stiftung zu übernehmen, die der Förderung literarischen und künstlerischen Nachwuchses dient und im „Jesuitenschlößchen“ residiert. Vieles läßt auf Freiburg schließen. Hölzenbein erinnert sich an vergangenes Glück und seine gegenwärtige Misere, überwindet sich und fährt zu einem Einstellungsgespräch. Schon unterwegs trinkt er, denn es ist Sommer und heiß; endlich angekommen, setzt er sich auf dem Münsterplatz in einem Straßencafe zu einer jungen Frau an den Tisch und ist schlagartig verliebt. Nicht zum ersten Mal, gewiß, aber gründlich: „Begegnungen dieser Art kommen nur zwei-, dreimal im Leben vor; Einübung in eine zumeist länger anhaltende Wehrlosigkeit.“ Natürlich bleibt er hängen und trinkt weiter. Eine merkwürdige, heiter-melancholische Liebesgeschichte beginnt – und ein Chaos, aus dem weder Hölzenbein noch ein Leser ungeschoren herauskommen.

Man ahnt: Der da kommt nicht weit. So jedenfalls nicht. Der ist ein Flaneur, ein unverbesserlicher. Er wird weder den Job kriegen noch die Frau. Er hat ja auch schon oft genug die Erfahrung gemacht, „daß wieder etwas zu Ende ging, was nie so recht begonnen hatte“. Man kann sich hier aber auf nichts und niemanden verlassen, am wenigsten jedoch auf Böhmers Personal. Hölzenbein kriegt also alles. Jedes Laster, jede Unverschämtheit haben positive Folgen für ihn.

Dabei ist dieser Typ bestürzend echt; irgendwelche Bestandteile von ihm laufen einem ständig über den Weg. Hinzu kommt das Kunstmittel der Selbstironie, das es Böhmer auf unverfängliche Art gestattet, Autobiographisches zu verwenden. Auf die Frage eines Kulturbeamten, ob er schreibe, antwortet Böhmer/Hölzenbein: „Nein. Wer unbedingt schreiben muß, sollte Briefe schreiben oder Eingaben an Behörden. Literatur ist nur der stille Nachhall des Worts.“ Böhmer/Hölzenbein gehört auch der Generation an, die in studentisch-revolutionärem Pflichtgefühl ihren Marx gelesen hat: „etwa vier Zeilen am Tag“.

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Böhmer hat ein unterhaltsames Buch geschrieben. Böhmer ist ein Worte-Erfinder („Hohlraumgurgler“, „Wohn- und Residierstallung“), Kalauer kommen nicht zu kurz. Schaffner sind hier eben „bemützte Streifengänger“. Das geht auch mal daneben, aber es gibt doch ziemlich viele Treffer.

Aber kaum denkt man, die Masche könnte sich auch abnützen, schlägt es um in tiefe Melancholie. Mit scharfem Blick macht Böhmer plötzlich seine Späße hintergründig: „Aus den Augenwinkeln sah ich das Land. Geknickte Bäume. Stramme Schornsteine. Gelbgrüne Abhänge“. Vom Witz gleitet sein Roman – auch in der Handlung – zunehmend in den Wahnwitz: Das Jesuitenschlößchen als Psychiatrische Anstalt für Alkohol-, Zivilisations- und Kulturkranke. Didmar Puhl