Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im Oktober

Ein Glück fast, daß Richard von Weizsäcker kam, der erste Bundespräsident, der Israel besuchte. Endlich einmal gab es eine erfreuliche positive Nachricht. Denn Weizsäcker, der bereits vier Mal in Jerusalem war, als einziger deutscher Politiker 1982 sogar vom damaligen Ministerpräsidenten Menachem Begin empfangen wurde, gilt als einer von Israels "besten europäischen Freunden". Sein Gastgeber, Präsident Chaim Herzog, ließ es sich denn auch nicht nehmen, den Kollegen noch vor dem Besuch der Erinnerungsstätte Jad Vaschem zum privaten Mittagessen zu sich nach Hause einzuladen; Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek überreichte Weizsäcker das übliche Brot und Salz zur Begrüßung nicht vor den Toren der Stadt, sondern auf halbem Wege zu Herzogs Residenz. Für einen kurzen Augenblick, so mochte es scheinen, atmete Israel auf: Wir sind doch nicht so allein auf der Welt! Trotz der Tunesien-Attacke und des Verdammungsurteils im Weltsicherheitsrat ist der gute Deutsche aus Bonn gekommen, um, wie er noch vor seinem Abflug sagte, ein Zeichen zur Erinnerung an den Holocaust zu setzen.

Seit langem schon sind die Israelis dankbar für jedes Zeichen der Freundschaft. Am Tag vor Weizsäckers Ankunft war in Israel das siebentägige Laubhüttenfest zu Ende gegangen. Es gilt dem Gedenken an den entbehrungsreichen Zug der Kinder Israels durch die Sinai-Wüste hin zum Gelobten Land. Aber das Laubhüttenfest 1985 war alles andere als eine fröhliche Feierwoche. Jeden Tag Schreckensmeldungen, deprimierende Nachrichten: Nach dem Mord an drei Seglern im zypriotischen Larnaka der Bombenangriff auf Arafats tunesisches Hauptquartier mit 70 Toten, dann Washingtons herbe Kritik an dem Racheakt der israelischen Luftwaffe und Israels Verurteilung durch die Vereinten Nationen, mit der halben Zustimmung des amerikanischen Freundes. Kurz vor dem Ende des Freudenfestes schließlich die Ermordung eines jüdischen Liebespaares in den Bergen südlich Jerusalems, das Blutbad am Golf von Elat, wo ein ägyptischer Polizist aus heiterem Himmel sieben isrealische Touristen erschoß. Das Fest war diesmal eine Woche der Trauer, der Wut, des Zorns – auch eine Woche der Angst.

Verteidigungsminister Jitzhak Rabin mußte nach dem letzten von drei Mordanschlägen auf wandernde Paare in diesem Jahr seine Landsleute nicht mehr ausdrücklich auffordern, künftig einsame Wege selbst im alten Staatsgebiet zu meiden, nie allein zu gehen und stets eine Waffe bei sich zu tragen. Vor dieser völlig neuen Art des palästinensischen Terrors, meist von Jugendlichen aus eigenem Antrieb begangen, nehmen sich die Israelis inzwischen höllisch in acht.

Das Land in diesen Tagen: Unter blauem Himmel und strahlender Sonne wird auf den weiten Feldern zwischen Tel Aviv und Jerusalem die Baumwolle geerntet. In Hebron, dem arabischen Zentrum im Süden des jordanischen Westufers, bieten Frauen an den Straßen schwere, süße Trauben an. Noch sind die Mittelmeerstrände voller Badelustiger, die Hauptstraßen in den Städten voller Spaziergänger – doch kaum gibt es inmitten Jerusalems eine Explosion, denkt jeder sofort: Fatah, Terroristen, Tote. Dabei war, wie vor drei Tagen in Israels Hauptstadt geschehen, nur eine Gasleitung geplatzt, die ein Wohnhaus fast völlig zerstört hatte. Die Israelis, nervös und überängstlich, fühlen sich ihres Lebens nicht mehr sicher. Israel in diesen Tagen des sonnigen Spätherbstes ist wie ein Land unter der Fuchtel der Furcht.

Die Menschen in den Städten und Dörfern Nordgaliläas warten bereits auf die nächsten Katjuscha-Raketen, abgefeuert von Palästinensern aus dem Südlibanon. Aus Vorsicht erlaubte daher auch der Rabbi von Kirjat Schmona nahe der Grenze den Gläubigen, ihre Laubhütten ausnahmsweise in den Häusern aufzubauen und nicht wie üblich auf der Straße oder im Garten.