Von Manfred Sack

Zwanzig Jahre danach haben sie nun nachgesehen, was aus der „gemordeten Stadt“ geworden ist, die sie Anfang der sechziger Jahre mit scharfem, ja seherischem Blick beobachtet und publik gemacht haben. Die drei Autoren – die Photographin Elisabeth Niggemeyer sowie die Journalistin Gina Angress und Wolf Jobst Siedler – haben damals mächtige Furore gemacht mit ihrem frechen, enthüllenden, anklagenden Buch, dessen Titel sich bald selbständig gemacht hat und ein beliebter Slogan geworden ist, unter dessen Mantel vielerlei Unmut Platz hatte.

Die Zeit war reif dafür – und begierig darauf. Kurz bevor „Die gemordete Stadt“ erschien, hatte die Journalistin Jane Jacobs „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ beschrieben, wenig später hatte der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ beklagt. Rundum: Irrtümer, enttäuschte Hoffnungen, mißverstandene Maximen, phantasieloses Denken, undifferenziertes Handeln, ästhetische Blindheit – die mißbrauchte Moderne und die vom Verkehr beherrschte Stadt waren in einem Bild des Jammers aufgegangen.

Und jetzt? Hat sich „die gemordete Stadt“ wieder aufgerappelt? Kein Zweifel, ein bißchen. Haben die Stadtpolitiker, die Planer, die Architekten ihre Irrtümer erkannt? Gewiß, nur sind ihnen beim Korrigieren der alten Fehler neue unterlaufen. Hat die Stadt sich wenigstens wieder ein wenig schön gemacht? Und wie, scheußlich schön. Hat sich also doch etwas geändert – womöglich zum Guten gewendet?

Da jemand den hübschen Einfall gehabt hat, dem Vorwort des neuen Buches von 1985 das des alten von 1964 voranzusetzen, bekommt man schnell die erste Antwort. Vor zwanzig Jahren meldete Wolf Jobst Siedler das „Verlöschen des eigentlich Städtischen, das von Babylon bis zum kaiserlichen Berlin durchhielt und ein besonderes Wohngefühl, nämlich: das emotionale Stadterlebnis, möglich machte“. Nun, nach dem neuen Rundgang durch dieselbe Stadt, resümiert er, eher nüchtern als resigniert: „Die Sehnsucht gilt heute dem Städtischen, und der Begriff ist zu einem Losungswort geworden, das sich alle Parteien zurufen.“ Es scheint, als empfinde die Stadt immerhin den Mangel. Jedoch gehe dabei, während er korrigiert wird, „nun noch einmal verloren, was sie uns kostbar machte – jene Atmosphäre der Metropolen, die auch einen besonderen Menschentypus hervorgebracht hatten: den Städter“.

Das Buch über „Die gemordete Stadt“ führte einst die gräßlichen Bemühungen vor Augen, „mit neuen Mitteln“ – denen der Moderne – „alte Wohnfiguren“ zu verwirklichen. In dem neuen Buch ist zu betrachten und zu lesen, wie die Stadt der Kritik zu begegnen versuchte: mit einer offensichtlich verquälten Idyllik; in ihrer Hilflosigkeit sucht sie am liebsten Halt im Gestrigen, im Historischen, genauer in der Sentimentalität. Da sie ihren Verbesserungsvorsatz, um seiner sicher zu sein, auch zu kodifizieren versucht hat, trifft der Titel des neuen Buches das Thema sehr genau:

Gina Angress, Elisabeth Niggemeyer: „Die verordnete Gemütlichkeit – Der gemordeten Stadt H. Teil“, mit Essays von Wolf Jobst Siedler; Quadriga Verlag J. Severin, Berlin, 1985; 224 S., 576 Abb., Ln. 49,80 DM.