Für Literaturkritik braucht man weder einen Befähigungsnachweis noch einen Gewerbeschein, es gibt weder eine Approbationsordnung noch einen Numerus clausus. Literaturkritik ist das freieste Gewerbe der Welt. Dieser schönen Anarchie verdanken wir das sogenannte literarische Leben. In ihm ist alles, folglich auch das Unmögliche, möglich.

Dieser schönen Anarchie verdanken wir die Literaturkritiken von Werner Fuld. Über Werner Fuld weiß ich lediglich, daß er mit großer Regelmäßigkeit und in kleinen Abständen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, gelegentlich auch fürs Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt. Über Werner Fuld, nach ausgiebiger Lektüre seiner Rezensionen, weiß ich lediglich, daß er besser keine schriebe oder bessere. Gäbe es eine Gewerbeordnung für Literaturkritik, so wäre Werner Fuld ein Fall für das Ordnungsamt.

Glücklicherweise ist die Literaturkritik frei, und so haben wir mit großer Regelmäßigkeit und in kleinen Abständen das Vergnügen mit Fuld, der zu Werke geht wie seinerzeit (in Uhlands Gedicht) jener wackere Schwabe aus Kaiser Rotbarts Heer: "Zur Rechten sieht man wie zur Linken / Einen halben Türken heruntersinken". Der Türke, gegen den Fuld anreitet, ist die Literatur. Er schlägt zu, "vom Kopf bis zum Sattelknopf", und was da rechts und links heruntersinkt, ist gut oder böse, richtig oder falsch, hat bestanden oder hat nicht bestanden. Am Ende ist die Literatur tot, Fuld hat gesiegt, und auch das gehört zum literarischen Leben.

Einer der Türken, die er jüngst erlegte, war der Schweizer Schriftsteller Jörg Steiner. Über dessen im Suhrkamp Verlag erschienenen Erzählungen schrieb Fuld in der FAZ: "Der Autor scheint von einer Krise des Erzählens gehört zu haben, und da er an diese Gefahr glaubt, läßt er seine Geschichten darin umkommen. Sie sind manchmal schon nach zwei Seiten zu Ende: bevor sie angefangen haben. Das ist das Beste an ihnen. Denn eigentlich hat Jörg Steiner nichts zu erzählen, aber warum er uns dies mitteilen will, bleibt sein Geheimnis."

So beginnt Fulds Kritik. Sie ist schon zu Ende, bevor sie angefangen hat. Rechtfertigungen umständlich hinterherzuschieben, nachdem er den Türken traf, das ist Fulds Sache nicht. Für Exhumierungen sind Henker bekanntlich nicht zuständig.

Werner Fuld liebt die klaren Sachen: Hieb und Stich. Über die Erzählungen von Edwin Ortmann (Klett-Cotta Verlag) schreibt er: "Edwin Ortmanns Erzählungen handeln von einfachen Dingen und sind schwer verständlich, weil ihr Autor der Sprache nicht traut. Das Leiden an der Unzulänglichkeit der Worte ist eine Berufskrankheit guter Übersetzer und mittelmäßiger Schriftsteller. Im nächsten Satz teilt Fuld mit, daß Ortmann Übersetzer ist. Einmal darf der Leser raten, wie er den Schriftsteller Ortmann einzuschätzen hat.

So also geht Literaturkritik: der Kritiker behauptet A, findet B und schließt messerscharf: ungenügend. Seine Rezension der ersten Erzählung von Lothar Baier "Jahresfrist" (S. Fischer Verlag) beginnt Fuld, als schriebe er für die Wüstenrot-Zeitschrift, mit einem launigen Glösslein über törichte Städter, die listigen Bauern pittoreske Ruinen für teures Geld abkaufen. Das findet er amüsant, weil aber Baiers Erzählung ernst ist, kreidet er ihr eine "nicht beabsichtigte rührende Komik" an. Die Komik liegt aber dann, daß Baiers Erzählung mit den Themen Hauskauf und Renovierung soviel zu tun hat wie "Die Buddenbrooks" mit dem gestiegenen Lombardsatz.