Von Gerhard Seehase

Wir hatten uns verabredet. Morgens um sechs Uhr in Prien am Chiemsee. Angler sind Frühaufsteher. Sie haben sich eingeredet, daß der Fisch in der Morgendämmerung am besten beißt. Und nun mußte ich also raus aus den Federn, ohne Hotelfrühstück.

Günther Michalke, Vorsitzender des Priener "Sportfischer-Vereinshatte es übernommen, dem Anfänger aus Hamburg die erste Lektion zu verpassen. Ich war darauf vorbereitet, Lehrgeld zahlen zu müssen. Denn man weiß ja, wie das ist, wenn einer anfängt, sich an einem so tückischen Objekt wie der Angelrute unterweisen zu lassen, zu der auch noch "Fliegen", "Blinker" und lebendige Würmer gehören.

Aber mein Lehrmeister hatte nicht nur ein Herz für die Fische, sondern auch für mich. Er drängte mir eine Fellweste auf, die ich unter dem Parka tragen sollte ("es ist kalt auf dem See"); wir verstauten vier Angelruten ("die kosten zusammen 3500 Mark") in den Kofferraum seines Wagens; fischen wollten wir auf dem Langbürgner See, einige Kilometer vom Chiemsee entfernt.

"Auf dem Chiemsee", hatte er mir gesagt, "fischen nur noch Touristen oder Brotfischer. Der Chiemsee ist zu laut geworden. Da sind die Schiffe, die Surfer, die Badetouristen. Der Sportfischer hat andere Reviere. An die dreißig Seen stehen ihm zum Beispiel in Oberbayern zur Verfügung, die besser sind."

Der Himmel war bedeckt, als wir unseren Kahn auf das dunkelgrüne Wasser des Langbürgner Sees hinausschoben. Günther Michalke hatte fünf Mark Bootsgebühr im Rosenheimer Klubhaus hinterlegt, den Bootsschlüssel entnommen und die voraussichtliche Dauer unserer Angeltour in ein Büchlein eingetragen. Dabei hatten wir keinen einzigen Menschen zu Gesicht bekommen.

Unser Kahn durchschneidet die Oberfläche des Sees wie eine Schere, mit der Seide durchtrennt wird. Der vom Wald umsäumte See ist nur laut durch die Vogelstimmen, sonst herrscht Stille. Etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt legen wir unser Boot vor Anker. "Ich will zum Ufer hin werfen", sagt er.