Von Martin Lüdke

Warschau. Irgendwann zwischen 1905 und 1939. Irgendwo in der Gegend zwischen Krochmalna und Smoczastraße. Mitten in der polnischen Stadt: das jiddische Schtetl. Die kleinen Geschäfte, oft im Keller, Obst- und Gemüsestände auf der Straße. Noch immer waren Pferdefuhrwerke unterwegs. Reb Ascher, der Milchmann, Fischel Kutner, diese kleine, zerbrechliche Gestalt, ein Gewusel und Gewimmel, Bettler, fliegende Händler, ab und an noch Wasserträger, Kinder mit ihren Schiebermützen, ganze Familien am Straßenrand, die ihre selbstgebackenen Bejgels feilboten, und überall dazwischen die alten Juden mit ihren langen grauen Bärten, den Schläfenlocken, den schwarzen Kaftanen.

Doch dann, von Jahr zu Jahr mehr, junge Menschen, schon westeuropäisch gekleidet, emanzipiert, von neuen Ideen beseelt, von anderen Hoffnungen getragen.

Irgendwo, dazwischendrin, der junge Isaac Bashevis Singer, der sich als Korrektor in einer Druckerei durchschlug, im Warschauer Literaturclub verkehrte, ein "Ungläubiger", der wie sein Vorbild, sein großer Bruder, Schriftsteller werden wollte, der an seinem ersten Buch "Satan in Goraj" schrieb, aber bereits in New York angekommen war, als dieses Buch in Warschau erschien.

Noch gab es die alte Welt des Ostjudentums. Das jiddische Schtetl, das sich über Jahrhunderte hinweg nahezu unverändert erhalten hatte. Aber es begann die Auflösung, allmählich erst, dann schneller und schneller, von innen heraus ebenso wie von außen her. Die Geschichte griff nach dieser geschichtslosen Welt. In "ihrem Innersten", schreibt Singer, "spürten die polnischen Juden", mystischer Tradition seit jeher vertraut, den bevorstehenden "Untergang". Sie ahnten, daß das Band bereits zerrissen, das sie über die Jahrhunderte hin zusammengehalten hatte. Eine "ungeheure Sehnsucht nach Weltlichkeit" hatte sie erfaßt. Sie hatten es endgültig "satt, zu warten" – "bis der Messias kommt". Sie hatten es satt, elend, dafür fromm zu leben, geduldig zu leiden, im Vertrauen auf die Macht des Seufzens. Neue Hoffnungsträger erschienen: der Zionismus, der Sozialismus. Und doch blieben diese Juden, die sie nicht mehr sein wollten, immer noch – Juden.

Irgendwo mittendrin in seinen Erinnerungen an diese Zeit, an diese erschreckend elendige, aber auch faszinierende Welt, die von Hunger, Armut und Leiden geprägt, die von Demut, Güte und Liebe durchdrungen war, spricht Singer, fast nebenher, vom Tod seines Vaters. "Auch mein Vater war zu dieser Zeit gestorben. Und obwohl seit dieser Zeit über vierzig Jahre vergangen sind, ist es mir unmöglich, über diesen Verlust im einzelnen zu sprechen. Ich kann nur sagen, daß er wie ein Heiliger gelebt hat und wie ein Heiliger gestorben ist, gesegnet mit dem Glauben an Gott, Seine Gnade und Seine Vorsehung. Daß ich diesen Glauben nicht besitze, das ist die Geschichte, die ich hier (= die Autobiographie) erzählen will."

Schon in dem "Bilderbuch einer Kindheit", das unter dem Titel "Mein Vater, der Rabbi" erschienen ist, hatte Singer, schlicht und eindringlich, seinem Vater ein Denkmal gesetzt (wobei er gelegentlich in Ehrfurcht vor diesem Denkmal erstarrt). Überhaupt scheint mir das Bild des Vaters, das Singer nur allzu häufig vor Augen gehabt haben muß, eine Art von Kraftquelle seines Schreibens geworden zu sein. Zeitlebens ist ihm diese Gestalt, der weise und fromme, selbstlos genügsame, aber auch strenge Rabbi, ein Vorbild und wohl mehr noch ein Vorwurf gewesen. Dieser Vater verkörpert das Bild des chassidischen und damit auch ein Stück des ewigen Juden, ein Stück der Leidensfähigkeit dieses Volkes und seiner (wahrhaft) grundlosen Hoffnung.