Von Peter Grubbe

Die Menschheit ist dabei, sich selbst zu vernichten. Von dieser inzwischen nicht mehr sonderlich originellen These geht der Wissenschaftspublizist Hoimar von Ditfurth in seinem neuen Buch von den Zukunftsaussichten der Menschheit aus. Erstmals in der uns bekannten Geschichte der Welt hat eine Gattung von Lebewesen Waffen entwickelt, mit denen sie sich selbst vollständig ausrotten kann. Aber noch bevor der Mensch diese Waffen anwendet, zerstört er bereits die natürlichen Grundlagen seiner Existenz, indem er Boden, Wasser, Luft, Pflanzen und Tiere vergiftet.

Der Verfasser – Professor für Psychiatrie und Neurologie sowie erfolgreicher Buch- und Fernsehautor – versteht es, die Bestandsaufnahme unserer heutigen Situation im ersten Teil seines Buches so vorzutragen, daß sie den Leser fasziniert und erschreckt. Anstelle der sonst vielfach üblichen Prozentzahlen erkrankter Wälder und Feuerkraftvergleiche zwischen westlichen und östlichen Atomwaffen, unter denen sich der Bürger doch nichts vorstellen kann, arbeitet Ditfurth mit konkreten Beispielen. So berichtet er, daß in einer südbadischen Landgemeinde Eltern bei der Anmeldung der Geburt ihres Kindes vom Bürgermeister schriftlich darauf hingewiesen werden, daß es „nicht empfehlenswert“ sei, Säuglingsnahrung mit Leitungswasser zuzubereiten, weil sich darin zu viele Giftstoffe befinden; besser sei Mineralwasser. So weit ist die Vergiftung des Wassers bei uns bereits fortgeschritten.

Oder er beschreibt, was geschieht, wenn eine sowjetische Rakete vom Typ SS 20 über dem Hauptbahnhof von Frankfurt explodiert: Die Innenstadt mit allen Lebewesen „verdampft“ in Bruchteilen von Sekunden, in den Außenbezirken der Stadt verkohlen die Menschen, Kunststoffe verbrennen, Betonmauern werden zerfetzt, und wer in Wiesbaden, Darmstadt oder Bad Homburg die Explosion überlebt, wird in den nächsten Monaten qualvoll und unaufhaltsam an ihren Folgen sterben.

Derart vorbereitet werden dem Leser im zweiten Teil des Werkes die Ursachen unserer Situation dargelegt, dazu mögliche Auswege und die Widerstände, die ihnen entgegenstehen. Dies ist der stärkste Teil des Buches, der allerdings bei konservativen Lesern heftigsten Widerspruch auslösen dürfte. Denn hier begibt sich der Autor auf politisches Gebiet und bezieht engagiert Stellung. Nach Ditfurth ist die vom Westen immer wieder aufgestellte Behauptung von der sowjetischen „Überrüstung“ sachlich unzutreffend. Der Vergleich der Pazifisten von heute mit denen von 1938, den Heiner Geißler zieht, sei eine gezielte Diffamierung, weil er bewußt von falschen Voraussetzungen ausgehe. Die ständig geforderte westliche „Nachrüstung“ erhöhe die Sicherheit des Westens nicht, sondern verringere sie. Und die hinter dem Wettrüsten stehende Vorstellung, ein Atomkrieg sei „zur Not führbar“, wenn man selbst nur besser gerüstet sei als der Gegner, verkenne nicht nur die militärische Wirklichkeit, sondern nehme außerdem die Vernichtung der Menschheit bewußt in Kauf.

Und damit kommt Ditfurth zu seinem eigentlichen Anliegen. Ihm geht es nicht nur um eine Darstellung unserer derzeitigen Situation, wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz sie umschreibt, wenn er den Menschen mit den Worten charakterisiert: „In der Hand die Atombombe und im Herzen die Instinkte der steinzeitlichen Ahnen.“ Sondern Ditfurth sucht nach den Gründen für diesen inneren Widerspruch, den Arthur Koestler auf eine „falsche Schaltung der menschlichen Hirne“ zurückführen wollte, und für den der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker die menschliche Tradition siegreicher Durchsetzung gegenüber anderen Lebewesen verantwortlich macht („Wir sind die Erben von Siegern“).

Ditfurth kommt zu einem ähnlichen Schluß. Nach seiner Ansicht hat der Mensch im Zuge seiner Entwicklung immer wieder erlebt, daß in der Auseinandersetzung mit anderen Lebewesen wie mit der Natur Aggressivität bessere Überlebenschancen schafft als Friedfertigkeit. Und daraus ist, wie er meint, bei den Menschen inzwischen eine genetisch fixierte Verhaltensweise geworden, aus der wir uns nicht mehr lösen können.