Von Hans Mayer

Als er am 1. August 1972 seinem Herzleiden erlag, mit 73 Jahren, hielt man ihn in seiner österreichischen Heimat für einen Autor, von dem die Wiener Wochenpresse schon 1966, zu einer Zeit also, da Ernst Fischer im Zusammenhang mit dem „Prager Frühling“ international ausführlich zitiert und rezensiert wurde, behaglich sagen durfte, daß er „hierzulande fast kaum mehr im Gespräch ist.“

Den deutschen und österreichischen Sozialisten war er ein Ehemaliger. Den Kommunisten ein Dissident, bald darauf, nach dem Parteiausschluß, ein Verräter. Für die Kulturindustrie blieb er ein Kommunist. Das stimmte auch insoweit, als Ernst Fischers schriftstellerische Arbeiten, von den frühen Texten aus den zwanziger Jahren, die jetzt in einer Auswahl neu erschienen sind, „Kultur Literatur Politik“, bis zu den merkwürdigen, poetisch bemerkenswerten „Elegien aus dem Nachlaß des Ovid“, die 1963 noch in Ost-Berlin erscheinen konnten, undenkbar sind ohne das marxistischdialektische Denken.

Sein Leben und Arbeiten spiegelt alle Erfahrungen eines Bürgersohnes – Ernst Fischers Vater war ein k. u. k. General –, der Sozialist wird, mit der Sozialdemokratie bricht, als Parteikommunist ins sowjetische Exil geht, dort überleben kann, (nicht zuletzt dank der Hilfe von Palmiro Togliatti, wie Fischer später berichtet hat), und der beim Kriegsende in seine Heimat zurückgeschickt wird, nach Wien: so wie Becher oder Friedrich Wolf und Wolfgang Leonhard nach Berlin, oder Georg Lukács nach Budapest. Dort standen sie alle als ein verlorenes Häuflein. Die deutschen Genossen hatten wenigstens die Macht und militärische Präsenz der „Freunde“, wie man die Russen rituell zu titulieren hatte. Das galt auch für Lukács in Ungarn. Sie blieben im sowjetischen Machtbereich, waren dort freilich allen Schwankungen einer Ideologie des Stalinismus und Post-Stalinismus ausgeliefert.

Ernst Fischer hatte man als ersten österreichischen Unterrichtsminister eingesetzt. Später wurde er Chefredakteur der Parteizeitung Neues Österreich, einem Gegenstück folglich zum Neuen Deutschland. Er saß im Parlament, und da auch seine Gegner gestehen mußten, dieser Ernst Fischer von den Kommunisten sei ein hinreißender Redner, gab es spannende Debatten im Parlamentsgebäude an der Ringstraße.

Freilich schon bald mit umgekehrter Rollenverteilung. Freie Wahlen dezimierten die kommunistischen Parlamentarier. Der Staatsvertrag von 1955, als die Russen sich zurückzogen, gab der Partei nur noch geringe Möglichkeiten: am wenigsten im Bereich der Kulturpolitik, und damit für Ernst Fischer. Vor den Parlamentswahlen vom Mai 1959 besaß man noch drei kommunistische Mandate. Eines davon gehörte Fischer. Nach den Wahlen kehrte keiner mehr in den Nationalrat zurück.

Nun konnten die Rechnungen beglichen werden. Gleichzeitig von der bürgerlichen wie von der orthodox-kommunistischen Seite. Der professionelle Anti-Kommunismus, etwa von Friedrich Torberg, war niemals zimperlich. Torberg hatte damals, man soll es nicht vergessen, einen Günther Anders mit der Anrede „Burschi“ titulieren dürfen. Für Ernst Fischer gab es in Torbergs Forum die Überschrift: „Der Fischer stinkt vom Kopf“. Noch im Jahre 1966 witzelte eine Überschrift mit dem Namen des Gegners: „Fischers neue Netze“.