Von Heinz L. Arnold

Der dreiundvierzigjährige Schriftsteller Lothar Baier hat sich bislang fast nur als Kritiker und vor allem als glänzender Essayist vernehmen lassen. Über Jahre hinweg erschienen seine Essays und Analysen in den angesehensten Zeitschriften; 1982 hat er eine Reihe seiner Arbeiten in dem Band „Französische Zustände“ veröffentlicht: unter anderem scharfsinnige Auseinandersetzungen mit der französischen Rechten, aufregende Reportagen über politische Kriminalfälle und Untersuchungen zur nouvelle philosophie. Von kaum einem hat man in den siebziger Jahren so informative und kluge Analysen der intellektuellen Szene Frankreichs gelesen wie von Baier. Daß ihm dafür 1982 der erste „Jean-Amery-Preis“ verliehen wurde, zeugt vom Mut der Jury, denn Baier ist ein stiller Literat im Betrieb, und einer der seriösesten.

Nun veröffentlicht Lothar Baier erstmals erzählerische Prosa: „Jahresfrist“. Ein zweifellos autobiographisches Buch, das auch die Voraussetzungen des kritischen Literaten nicht verschweigt; aber doch weit mehr als ein individueller Erfahrungsbericht.

Die Erzählung wird bestimmt von drei Elementen:

  • dem Rückzug eines Intellektuellen aus den heute üblichen, zur Norm verfestigten Lebens- und Arbeitsbedingungen;
  • dem Versuch einer neuen Selbstsetzung: der Erzähler baut während fast einjährigen Alleinseins in Südfrankreich aus einer Ruine ein Haus, als Fremder unter Fremden;
  • einer Auseinandersetzung des Erzählers mit Leben und Werk des von ihm geschätzten französischen Schriftstellers und Sozialisten Paul Nizan.

Alle drei Elemente der Erzählung sind erfahrungsgesättigt. Die über die subjektive Erfahrung hinausreichende literarische Qualität gewinnt Baiers Erzählung durch die komplexe Verknüpfung dieser Elemente: Nirgendwo wirkt das eine dem anderen aufgesetzt oder künstelnd verbunden, vielmehr gehen Arbeits- und Erkenntnisprozeß ineinander auf; die Arbeit am Haus in der Fremde und die daran gebundene psychische Entwicklung des Ich-Erzählers liefern die zwingenden Gründe und Argumente für den intellektuellen Abnabelungsprozeß.

Zwei der Urteile in diesem Erkenntnisprozeß in Sachen Paul Nizan lesen sich so: „Eure Radikalität war oft nur die Kehrseite Eurer Vertrauensseligkeit. Wenn wir sehen, worauf ihr alles hereingefallen seid, Paul, dann kommen wir uns manchmal furchtbar überlegen vor.“ Und: „Die Waffen, die ihr uns hinterlassen habt, sind unbrauchbar geworden, eure Wörter haben nicht nur als Kampfmittel versagt, sondern taugen auch nicht mehr dazu, mit ihrer Hilfe die Lage zu verstehen.“ Der Prozeß endet also mit einer kritischen Distanzierung, gleichsam einer Befreiung des Erzählers vom Übergewicht eines Idols.