Heiner Müller und Gerhard Roth beim Steirischen Herbst

Von Helmut Schödel

Wie an einem seelischen Flußufer lebt man in Graz am Rand eines leicht und unendlich hinströmenden Seufzens. Hier strahlen die Dinge erst auf, bevor sie geschehen." Am Bischofsplatz, von wo aus es den Berg hinauf nicht weit ist zum Stadtpark, gibt es in einem alten Palais eine ziemlich versteckte Buchhandlung samt Antiquariat und Kleinverlag. Hier ist eine neue Anthologie über Graz erschienen. "Graz von innen". Für den Droschl Verlag seufzen nicht nur junge Grazer wie der jetzt in Hamburg lebende Peter Glaser, sondern auch Alfred Kolleritsch, Helmut Eisendle, Bernhard Hüttenegger – und Wolfgang Bauer: "Graz/Windloser Dschungel", dichtet Bauer. "Dein verwischter Himmel zittert über den lauen Straßen ... Seltsamer Arsch der Welt."

Das Forum Stadtpark hat man um einen provisorischen Pavillon aus Stahlgerüsten, Draht und Plastikbahnen erweitert. "Fünfundzwanzig Jahre" steht darüber. Damals waren die Grazer ausgezogen, die Literatur zu erobern. Jetzt gibt es zum Jubiläum eine beleibte Ausgabe der Zeitschrift "manuskripte". Man ist in die Jahre gekommen. Aber das Forum selber, das kleine Haus im Stadtpark, ohne ersten Stock und wärmedämmende Bauweise, erinnert noch immer an ein Cottage im fernen irischen Westen: ein guter Ort für Literatur.

Heiner Müller ist in der Stadt. Zum erstenmal fallen mir im Stadtpark nicht nur die Tauben, sondern auch die Kränen auf, Vorboten der Geier in Müllers Dramen. Im Redoutensaal des Schauspielhauses soll "Bildbeschreibung" uraufgeführt werden, nach der "Hamletmaschine" Müllers kuriosestes Stück: ein Prosatext von zirka acht Manuskriptseiten, der nach Müllers Aussagen als eine "Übermalung der Alkestis" zu verstehen ist, das Nô-Spiel Kumasaka, Hitchcocks "Vögel" und den elften Gesang der Odyssee zitiert. Also lese ich auf einer Bank im Stadtpark bei herrlichem Sonnenschein den elften Gesang: "Und die Sonne sank und Dunkel umhüllte die Pfade./Jetzo erreichten wir des tiefen Ozeans Ende/allda liegt das Land und die Stadt der kimmerischen Männer./Diese tappen beständig in Nacht und Nebel, und niemals/Schauet strahlend auf sie der Gott der leuchtenden Sonne." Ein nördlicher Götterwind hat Odysseus an des Hades’ unterirdisches Reich geführt. Die Toten steigen zu ihm herauf. Von dort unten kommen auch viele Vokabeln in Müllers Text: "Asche", "Blut", "Skelett", "Geier", "Antarktis", "Steppe", "Mörder". Aber vorerst scheint noch die Sonne im Stadtpark, liegt nur ein Seufzen über der Stadt, ahne ich schon, wie Graz mit routinierter Nachlässigkeit Müllers Todesstöße parieren wird. Wahrscheinlich sagt Bauer: "Der Hades is a klasse Sache".

Drei Tage vor der Uraufführung ist noch nicht einmal ein Photograph zu den Proben zugelassen. Während wir uns in Geduld üben, fallen von den Bäumen im Stadtpark krachend die Kastanien auf die Köpfe der Spaziergänger und die Verandatische des Cafés "Promenade". Mörderkastanien.

Meine Vorbereitungen für den neuen Müller gehen gut voran. Ich lese jetzt schon abermals in der "Alkestis" des Euripides: "Admet, dies Unglück muß getragen sein/Denn nicht als erster, nicht als letzter Mensch/Verlorst du deine edle Frau". Am Abend zuvor gab es ein neues Stück des prominenten Grazers Gerhard Roth im Schauspielhaus. Wie Müllers "Bildbeschreibung" ist auch "Erinnerungen an die Menschheit" ein Auftragswerk, geschrieben für den Steirischen Herbst. Während man sich für Müller vieles merken muß, den Opfergang der Alkestis für ihren Gatten und ihre Wiederkehr aus dem Reich der Toten mit Herakles Hilfe, durfte man für Roths Stück gar nichts wissen. Vor allem nichts von Robert Wilson, nichts von den Bühnenbildern und Inszenierungen Achim Freyers, nichts von André Hellers Zirkus Roncalli, genausowenig wie von seinem Flic-Flac-Variete. Am besten wüßte man nicht einmal etwas von Disneyland. Dann wäre fast alles überraschend an diesem Abend.