Von Gottfried Niedhart

Friedensforschung ist für viele ein Reizwort, weil Friedensforscher notwendigerweise Tra-JL ditions- und Gesellschaftskritik üben. Kritiker der Friedensforschung übersehen, daß es nicht genügt, den Frieden zu wollen und im übrigen so weiterzumachen wie gewohnt, sondern daß es darauf ankommt, ihn tatsächlich auch vorzubereiten und herzustellen. Also benötigen wir Kenntnisse über die Entstehung von Gewalt und Krieg. Wie kommt es zu der Bereitschaft, die Schwelle zum Krieg zu überschreiten? Die Krankheit kann nur bekämpfen, wer die Krankheitsgeschichte durchleuchtet und die Symptome richtig zu deuten versteht. Dazu trägt zweifellos die kleine Schrift eines Zürcher Politologen bei:

Dieter Ruloff: Wie Kriege beginnen; Verlag C. H. Beck, München 1985; 159 S., 17,80 DM.

Der Autor untersucht die Geschichte seit der Französischen Revolution auf kriegsträchtige Situationen hin und klassifiziert die Anfänge von 150 Kriegen.

Verhältnismäßig einfach ist das Problem gelagert, wenn es sich um gezielt herbeigeführten Krieg handelt, wenn Gewalt und Krieg konstitutive Merkmale der Politik sind. Hitler zum Beispiel wollte Krieg und bereitete ihn systematisch vor. In den meisten Fällen aber, was in gewisser Hinsicht auch für Hitler gilt, waren Kriege nicht in der Form und dem Umfang gewollt, wie sie dann tatsächlich stattfanden. Daß sie begonnen wurden, beruht auf konkret auszumachenden Wirkungszusammenhängen, und nur die Kunst der Verdrängung läßt Gewalteruptionen und Kriege im nachhinein zum Schicksal werden, das über die Menschen hereinbricht. Der verräterische Sprachgebrauch, wonach Kriege wie Naturkatastrophen "ausbrechen", zeugt davon.

Ruloff dagegen beschreibt Krisenabläufe (kriegsauslösende Vorgänge, Eskalationen) und Konfliktformen (Risikobereitschaft, Blitzkriege, Duellkriege) als Ergebnis politischen Handelns, zu dem es prinzipiell auch machbare Alternativen gibt, die Alternative der Friedenswahrung. Sein Buch vermittelt Wissen in aufklärerischer Absicht, auch wenn es in dem von ihm gewählten knappen Rahmen oft skizzenhaft bleibt. Dies gilt auch für das Schlußkapitel über die gegenwärtige weltpolitische Lage und ihr innewohnende Kriegsgefahren. Mit vollem Recht wird die wachsende Interventionsbereitschaft der Supermächte in der Dritten Welt herausgestellt und die damit verbundenen Konfrontationen zwischen den USA und der UdSSR. Ein Krieg werde aber von beiden Seiten gescheut. Andererseits sei er – eine "umfassende Verbundkrise" vorausgesetzt – auch nicht gänzlich undenkbar.

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