Tisa von der Schulenburg war verheiratet mit einem reichen Mann, dem sie 1933 in das Londoner Exil folgte. Sie war bekannt mit „netten Leuten“ aus der Upper Middle Class. Was mochte es sein, das sie, eine „Gräfin“, zu englischen Bergarbeitern, in Slums und in ihre Wohnungen zog? Sie suchte die „wirkliche Welt“. Aber warum bei den Arbeitern, bei den Arbeitslosen? Es war Sehnsucht nach einer verlorenen Kindheit auf dem Land. Dort pflügte der Mann, die Frau harkte, die Alte saß strickend vor dem Haus. Alle gehörten zu einer großen Familie, so glaubte das Kind. Auch die Erwachsene suchte noch dieses romantische Bild einer harmonischen Welt, suchte es bei den englischen Bergarbeitern.

In ihren Erinnerungen erzählt Tisa von der Schulenburg voller Idealismus aus jener Zeit und doch beschleichen den Leser Zweifel, ob die Welt, die sie schildert, wirklich so bestand.

Sie war Bildhauerin geworden. Nun wollte sie die Kluft zwischen Arbeitern und Künstlern überwinden. Sie beschwor die Bergleute, nach Kunst zu fragen, sie für ihr Leben zu verlangen. In den Settlements gab sie Schnitzkurse für Arbeitslose. Diese sprachen noch nach Jahren von ihr, erzählten den Kindern – ja von wem? Von der Schnitzlehrerin oder von der deutschen Gräfin? Nach dem Krieg als freie Mitarbeiterin der Welt bei den Bergarbeitern im Ruhrgebiet fand sie die traditionsreiche englische Romantik nicht wieder. Der Bergbau in England und der in Deutschland waren nicht miteinander zu vergleichen, und auch der technische Fortschritt hatte viel verändert. Trotzdem gehörte ihre Liebe dieser Arbeitswelt.

Heimatlos geworden, von den einen als englische Spionin, von den anderen als Kommunistin verdächtigt, konvertierte sie zum Katholizismus und trat 1950 in das nahe der Zeche „Fürst Leopold“ liegende Ursulinenkloster in Dorsten ein. Jetzt, wie in den Jahren in England, zeichnete sie die Bergarbeiter mit kantigen Strichen, immer schwarzweiß. Die Gesichter und Gestalten sind wie aus Holz geschnitten, immer ähnlich, selten individuell. Ihre dunklen Brüder, wie viele von ihnen kennt sie wirklich? (Tisa von der Schulenburg: „Meine dunklen Brüder – Als Bildhauerin unter Bergarbeitern“; Herder-Taschenbuch 1114, Herder Verlag Freiburg, 1984; 78 S., Abb., 6,90 DM.) Elke von Radziewsky