Nein, das ist nicht Rübezahl, der uns da in den Weg tritt. Kein Baumstamm versperrt den Weg durch die labyrinthischen Gassen der Frankfurter Buchmesse; zwei mächtige Leinentaschen stehen plötzlich vor unseren Füßen. Darüber lächelt aus einem Bart, wie ihn auch der Berggeist mit dem Rübenschwanz aus dem böhmischen Siebengebirge hätte wuchern lassen können, ein deutscher Professor aus dem Teutoburger Wald: Klaus Ramm.

In den ausgebeulten, abgewetzten Koffersäcken schleppt er – nein: nicht Bücher; da schleppt er „seine“ Autoren heran, da trägt er ein Stück seines Lebens mit sich. Und stellt es vor uns hin. Und verkauft ungeniert, zwischen all den schick aufgedonnerten Glitzerständen der Buch-Industrie, wie ein Händler auf dem Wochenmarkt sein Lebensmittel: Literatur.

Seit mehr als zehn Jahren kennen wir diesen Gepäckträger der Literatur. Der 1939 in Hamburg-Altona als Sohn eines Kaufmanns geborene Anreger, Hersteller, Verleger und – dazu ist er sich nicht zu gut: Verkäufer von Büchern, die ihm lieb und wichtig sind, kommt in die Metropole des Welthandels mit Büchern aus der Provinz. Da gibt es Stille noch für Einfälle, Ruhe nicht nur für die Ohren, sondern auch für den denkenden Kopf, die lesenden Augen. „In den Weingärten, 6101 Lichtenberg“ – so hieß die erste Adresse. Da hatte Ramm Luchterhand Ade gesagt, weil dort plötzlich kein Platz mehr für Literatur war, die sich an Grenzen herantastet. Dafür aber lebt und kämpft ein Lektor, seither Kleinverleger, der seine Doktorarbeit über „Reduktion als Erzählprinzip bei Kafka“ (1971) geschrieben hat.

Bardüttingdorf, jetzt die Hengstenbergstraße 11 im westfälischen Dorf 4905 Spenge: Wir müssen schon zum deutschen Schulatlas greifen, um zu suchen, wo die Quellen der Dichtung noch sprudeln – vielleicht bald versiegend, manchmal die gejäteten, geharkten Beete der Literatur auch überflutend – auf jeden Fall voll unbändig neuer Kraft, auch da, wo ein vermuteter Weg in eine Sackgasse führt.

Hier geht ein Verleger (daß er in Bielefeld als Professor unterrichtet, glaubt man kaum), nicht auf Nummer sicher. Mit seinem kleinen, nicht elitär exquisiten, sondern entschieden neue Formen des Ausdrucks suchenden Programm für Literatur verteidigt Ramm das Leben gegen eine Zementierung des Daseins, die Sicherheit nur noch in einem „Krieg der Sterne“ zu finden wähnt. Bei Ramm und seinen Autoren ist das Risiko des Scheiterns ist immer einkalkuliert.

Nur wenige Autoren sind es, deren Stimmen Klaus Ramm mit einem Verlag, der in Wahrheit gar keiner ist, als Laut-Verstärker dient: Franz Mon und Oskar Pastior, Ludwig Harig und Jochen Gerz, Hartmut Geerken und der 1983 aus dem Leben gegangene Gunter Falk. Immer ist Ramm wichtig das Buch auch als künstlerisches Objekt: Gleich das erste Werk, „Die Zeit der Beschreibung“ (1974), das er mit dem Autor Jochen Gerz in Nachtarbeit hergestellt hat, wurde von der „Stiftung Buchkunst als eines der fünfzig „Schönsten Bücher“ der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Bewußt geht der vom Verleger der ZEIT, Gerd Bucerius, gestiftete „ZEIT-Preis für kleine Verlage“ (50 000 Mark) im zweiten Jahr an einen Einmann-Verlag mit einem schmalen, aber kühn neue Wege suchenden Programm. Zwischen Literatur, Lautmalerei, Bildender Kunst, Musik sind Ramm und seine Autoren auf einem alle Schranken überschreitenden Weg – wohin?

Da mag und muß nicht jeder Leser folgen. Doch wie die ZEIT in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft wach zu sein hofft für neue Gedanken und das Recht von Minderheiten verteidigt, möchten wir, nach dem ersten Preisträger Andreas J. Meyer (Merlin Verlag), aufmerksam machen auf die „neuen Töne“ der Schriftsteller, deren Bücher erscheinen mit dem Impressum: „Verlegt bei Klaus Ramm.“ Rolf Michaelis