Von Erwin J. Haeberle

Endlich ist Aids auch in Deutschland zum Thema geworden. Das muß jeden freuen, der den Verlauf der Epidemie in Amerika kennt, und der weiß, daß sie sich – mit etwa dreijähriger Verzögerung – genauso in Europa ausbreiten wird. Alle Deutschen, Franzosen, Holländer, Schweizer und Italiener zum Beispiel, die im Laufe der nächsten paar Jahre an Aids erkranken, sind ja bereits heute infiziert. Daran läßt sich schon nichts mehr ändern.

Die Frage ist nur, ob man jetzt durch eine sofortige und massive Vorbeugung Neuinfektionen verhindern oder wenigstens ihre Zahl verringern kann. Dann bestünde die Chance, daß die europäische Kurve der Erkrankungen in etwa vier bis fünf Jahren abflacht und sogar fällt. Die Art und Weise, wie Aids nun aber diskutiert wird – wenigstens in Deutschland –, läßt nicht viel Gutes hoffen. Bisher haben die Deutschen offensichtlich weder das Ausmaß noch die Komplexität des Problems erkannt.

Aids ist auch medizinisch zum größten Teil noch ein Rätsel. Schon die verschiedene Bezeichnung des Aids-Virus durch verschiedene Forscher ist mehr als ein Streit um Worte (siehe Kasten Seite 85). Auch die Abgrenzung der Krankheitsstadien voneinander und die Klassifizierung der Risikogruppen sind immer noch kontrovers. Dahinter verbergen sich verschiedene Grundannahmen und Forschungsansätze, medizinische Richtungskämpfe sowie ein Wettstreit um Finanzen. Aber selbst von solchen Fragen abgesehen ist das Bild durchaus nicht klar: Die geeigneten Tiermodelle, mögliche "Co-Faktoren", ja selbst die genauen Übertragungswege sind durchaus noch umstritten. Fast jeder Tag bringt hier noch neue Erkenntnisse und Diskussionen. Einstweilen müssen sich die Ärzte in der Praxis noch viel auf Analogien zu anderen Virusinfektionen stützen, auf allgemeine "klinische Erfahrung" und den "gesunden Menschenverstand". Hinzu kommt noch, daß die klinische Diagnose Aids erst ausgesprochen wird, wenn es zu spät ist – wenn sich also eine Häufung von Symptomen (eben ein Syndrom) eingestellt hat, daß der Patient mit den Bisher bekannten Mitteln nicht mehr zu heilen ist.

Mildere Fälle werden als "Vor-Aids" oder "ARC" (Aids-Related Complex) bezeichnet und bisher in der Statistik nicht mitgezählt. Ihre Zahl ist aber viel größer als die der eigentlichen Aids-Fälle. Und noch viel größer ist die Zahl der Infizierten ohne Symptome. Ob, wann und wie viele Männer und Frauen aus diesen Gruppen wirklich an Aids erkranken, ist zur Zeit nicht bekannt. Es ist noch nicht einmal sicher, nur wahrscheinlich, daß sie ihr ganzes Leben lang infektiös bleiben, also andere anstecken können.

All dies genügt schon, um deutlich zu machen, daß der leider schon weitverbreitete Sprachgebrauch irreführend ist: Genaugenommen gibt es keine "Ansteckung mit Aids" oder einen "Aids-Test" für Gesunde. Vielmehr hat man es hier immer nur mit einem Virus zu tun, das die damit infizierten Menschen im Laufe der Zeit vielleicht an Aids erkranken lassen kann, aber nicht muß.

Solche sprachlichen Ungenauigkeiten mögen ja noch hingehen. Schlimmer ist das Mißverständnis, Aids sei eine "Schwulenpest" oder, etwas weniger engstirnig, eine Krankheit, die nur soziale Randgruppen befällt. Dieser im Wortsinn fatale Irrtum hielt gerade zu Beginn der Erkrankungen die notwendigen Forschungsgelder zurück. Dadurch wurde eine wirksame Vorbeugung ausgerechnet zu einem Zeitpunkt verhindert, als sie noch Schlimmeres hätte verhindern können.