Von Dieter Buhl

Die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes Achille Lauro sind wieder frei, und ihre Peiniger sitzen hinter Gittern. Was kann uns somit davon abhalten, Genugtuung zu empfinden und dem Lauf der Gerechtigkeit in der Welt aufs neue zu vertrauen? Gewiß, es hat einen gemeinen Mord gegeben. Aber verglichen mit dem, was hätte geschehen können, sind die Betroffenen doch sehr glimpflich davongekommen. Die arabischen Gewalttäter haben weder, wie geplant, ein Massaker in Israel ausrichten noch ihre Brüder aus israelischen Gefängnissen freipressen können. Statt dessen sind sie gefangen worden. Ist der Stolz der Amerikaner auf die gelungene Abfangjagd deshalb nicht allzu verständlich? Spricht ihr Präsident nicht uns allen aus dem Herzen, wenn er den Terroristen nachruft: "Ihr könnt weglaufen, aber verstecken könnt ihr euch nicht"?

Es wäre schön, wenn diese markige Prognose zur Erfahrung würde. Nur läßt sie leider die Wirklichkeit außer acht. Um das zu behaupten, bedarf es nicht der vielbemäkelten europäischen Verzagtheit. Wie schwer es fällt, dem Terrorismus die Schlupflöcher zu verbauen, hat vielmehr gerade jetzt der Fall des PLF-Führers Abul Abbas bewiesen. Das ungehinderte Verschwinden des mutmaßlichen Drahtziehers vieler Terrorakte aus Italien führt nur zu deutlich vor Augen, daß die Gewalt zur Not stets einen Fluchtweg findet.

Die Befriedigung der Amerikaner kann diese Schlappe kaum schmälern. Die Jäger der 6. US-Flotte haben zur rechten Zeit zugeschlagen, denn die Geduld des amerikanischen Volkes ging zu Ende, die Wut über die Ohnmacht gegenüber dem Terrorismus nahm gefährliche Ausmaße an. Nicht bloß die Zunahme der Gewalttaten hatte den Amerikanern bis dahin die Zornesröte ins Gesicht getrieben; Opfer von 40 Prozent aller weltweit begangenen Anschläge zu sein, hätte auch gelassenere Nationen in Rage versetzt. Was sie vor allem bis aufs Blut reizte, war der Zynismus der Terroristen, ihre Gnadenlosigkeit gegenüber dem einzelnen. Der Versuch, mit der Leiche des im Libanon ermordeten US-Diplomaten Buckley Austauschgeschäfte zu machen, und die Ermordnung des behinderten Rentners auf der Achille Lauro ließen den Terror vollends zum nationalen Trauma werden.

In dieser Situation wurde die Abfangaktion zum befreienden Erlebnis für die Volksseele. Die Rücksichtslosigkeit, mit der US-Piloten die Terroristen vom Himmel holten, kann niemanden verwundern, der die politische Debatte in Amerika verfolgt. Die Hinwendung zur Maxime, daß im Kampf gegen den Terrorismus der Zweck die Mittel heiligt, zeichnete sich seit langem ab. Schon vor einem Jahr wies der sonst so maßvolle Außenminister Shultz die Richtung, die jetzt befolgt wurde: "Es kann sein, daß wir niemals die Art von Belastungsmaterial haben, die vor einem amerikanischen Gericht bestehen könnte. Aber wir können es uns nicht erlauben, zum Hamlet der Nationen zu werden, der sich endlos damit quält, ob und wie er reagieren soll."

Jetzt hat Hamlet zugeschlagen. Vor einem amerikanischen Gericht mag der militärische Coup womöglich Gnade finden. Mit dem Völkerrecht jedoch, das die Überflugfreiheit über internationalen Gewässern garantiert, ist die Aktion nicht zu vereinbaren. Über den Rechtsbruch können auch mildernde Umstände nicht hinwegtäuschen: daß die amerikanischen Flieger den Italienern letztlich dabei halfen, auch von ihnen gesuchte Verbrecher dingfest zu machen oder daß die notorische Rechtsunsicherheit im Flugverkehr des Mittelmeerraumes das Faustrecht zum Nutzen der Gerechtigkeit geradezu herausfordert. Dennoch wird es wenig bringen, mit dem Finger auf die Vereinigten Staaten zu zeigen. Sie haben in begreiflicher Empörung gehandelt. Auch wenn der Erfolg ihnen nicht recht gibt, bleibt unbestritten, daß sie Handlungsfähigkeit bewiesen und ihren Gegnern gezeigt haben, wessen mare nostrum das Mittelmeer ist. Amerika hat seine Macht demonstriert – aber wahrscheinlich an Einfluß verloren.

  • Dem ohnehin schwindsüchtigen Friedensprozeß im Nahen Osten hat die Abfangjagd zusätzlich geschadet. Washington hatte gerade erst den jordanischen König zu direkten Verhandlungen mit Israel ermuntert. Aber werden Hussein und andere gemäßigte Führer im Nahen Osten sich jetzt noch auf den amerikanischen Segen berufen wollen, wenn es gilt, Friedensfühler auszustrecken? Werden die radikalen Elemente in der Krisenregion sich nicht noch stärker zur Gewalt ermuntert fühlen, da nun auch Amerika nach dem alttestamentarischen Prinzip des Zahn um Zahn gehandelt hat? Kann die amerikanische Diplomatie in den nahöstlichen Hauptstädten weiterhin für den Frieden werben, seit sie selbst so offensichtlich unfriedliche Methoden sanktioniert?
  • Das Vexierbild nahöstlicher Politik gibt auch dem amerikanischen Anti-Terror-Schlag viele Rätsel auf. Eine der Krisenkonturen jedoch ist klar erkennbar: Ägypten, einen der wenigen Stabilitätsfaktoren und einen ihrer wichtigsten Verbündeten in Arabien, haben die Amerikaner in große Schwierigkeiten gebracht. Eben noch konnte Mubarak stolz die Beilegung eines Piratenaktes auf See vermelden, da wurde ein Flugzeug seines Landes in der Luft gekidnappt. Wie sehr die Demütigungen seine Position erschüttert haben, demonstrierten nicht bloß die aufgebrachten Studenten auf Kairos Straßen. Auch anderswo könnte dem ägyptischen Staatspräsidenten die Mißachtung durch den amerikanischen Freund und der Verdacht schaden, bei der Einkreisung der vier Terroristen womöglich gemeinsame Sache mit ihm gemacht zu haben. Mubarak mußte schon den amerikanischen Präsidenten um eine Entschuldigung bitten, wenn er sein Gesicht nicht vollends verlieren wollte. Reagans Weigerung birgt fatale Folgen – in Ägypten und damit auch für Amerikas Behauptung im Nahen Osten.
  • Die amerikanisch-italienische Freundschaft hat bei der Terroristenhatz ebenfalls gelitten. Das prekäre Gleichgewicht der römischen Regierung ist gestört. Die Geister scheiden sich an der von Washington kritisierten Freilassung des Palästinenserführers Abbas. Verlassen die Republikaner die Koalition? Stürzt Craxi? Allein, daß solche Entwicklungen möglich erscheinen, schmälert die Erfolgsbilanz der Amerikaner. Sie haben zwar Terroristen gefangen, gleichzeitig aber auch viel außenpolitischen Schaden angerichtet.