/ Von Raimund Hoghe

Als Conny und Peter Musik machten, War auch sie dabei undspielte eine die Breite gegangene Miß Nordsee; und als Bubi Scholz mit einer jungen Dame namens Georgia Moll aufs unausweichliche Happy-End des Farbfilms "Marina" zusteuerte, sang sie: "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann" – und spielte einmal mehr die Rolle, die sie in rund hundert Filmen zu spielen hatte: die der Dicken, die zumeist auch die Doofe zu sein hatte. Doch so ganz ging die Rechnung nie auf. In den stereotyp-spießigen Schlager- und Lustspielfilmen der 50er und 60er Jahre fiel die füllige Kölnerin immer wieder aus dem biederen Rahmen, war nur 1,56 m große Randfigur und doch unübersehbar, wenn sie sich in viel zu enge Brokatkleider zwängte, scheinbar schamlos die vorgegebenen Klischees überzog und Mut bewies: zur Lächerlichkeit und zu sich selbst.

Heute, mit 58, ist Trude Herr: Produzentin, Autorin, Schauspielerin, Regisseurin, Sängerin, Kostümbildnerin und Leiterin des 1977 in einem leerstehenden Kino eingerichteten "Theaters im Vringsveedel", dessen 440 Plätze oft schon sechs Wochen im voraus ausgebucht sind – allein mit Stücken, die sie selbst schreibt, als Hauptdarstellerin beherrscht und in der Regel auch inszeniert.

Als Trade Herr ihr Theater eröffnete, hatte sie das auch mit dem Anspruch getan, ein reformiertes Volkstheater zu entwickeln. Nicht das gehobene Bürgertum beherrscht bei ihr die Bühne, sondern eher Menschen von den Rändern der Gesellschaft – wie "Et versöffe Lenche", eine Stadtstreicherin und ehemalige Tänzerin, die sich in einer heruntergekommenen Kneipe zu Tode tanzt und trinkt. So eindrucksvoll die Geschichte auch war: mit dem Einakter über den Tod einer Trinkerin stieß sie sehr deutlich an die Grenze, bis zu der ihr das Publikum folgt. "Die Leute waren begeistert, nur: es sind weniger gekommen", berichtet sie und glaubt: "Die wollten mich nicht sterben sehen. Gerade bis zum Rand der Komödie kann ich gehen – wo die Groteske ins Makabre umschlägt, machen die Leute nicht mit. Auf der anderen Seite sehe ich nicht, daß man die Dienstmädchengeschichten nehmen muß. Das Volk ist nicht dumm, die Leute sind nicht dumm, nur weil sie gern lachen. Diese Anbiederei brauch’ ich nicht."

Daß es sie trifft, von der Stadt nicht unterstützt zu werden, ist eine andere Sache. Und die Stadt unter Druck zu setzen oder "so Partys zu geben, um Geld zu kriegen, nä", das ist nicht ihre Art. "Ich kann nicht Klinken putzen", sagt sie. "Ich hab’ noch nie Geld vom Staat gekriegt. Ich habe von meinem elften Lebensjahr an meinen Lebensunterhalt selbst verdient. Ich hab’ in einer Wäscherei gearbeitet – aber es hat nicht geschadet", fügt sie hinzu, leise, und eher zu sich als zu mir.

Die Zeit des Faschismus, "die 13 Jahre waren eben eine sehr harte Zeit für uns", stellt sie fast beiläufig fest. "Wir kriegten ja nichts, nicht mal den Wohlfahrtssatz. Wir Kinder waren auch nicht würdig, auf ein Gymnasium zu gehen. Wir haben alle drei nur Volksschulbildung, weil der Vater als Kommunist im KZ war." Geblieben von diesen Erfahrungen ist unter anderem das Engagement für Minderheiten. "Ich fand auch ganz schlimm, daß die Homosexuellen bekämpft wurden."