Von Winfried Scharlau

Phnom Penh, im Oktober

Phnom Penh ist die erste Station einer Versorgungslinie, die von der thailändischen Grenze durch Kambodscha verläuft und bis in die vietnamesische Hauptstadt Hanoi reicht. Über den "Le-Duan-Pfad" schaffen Schmuggler und Händler Mopeds, Whisky, Bierdosen, Zigaretten und Medikamente aus dem kapitalistischen Thailand über Phnom Penh nach Saigon, Hué und Hanoi. Bezahlt wird mit Gold, Silber oder amerikanischen Dollars. Lokale Währungen kalkulieren die Händler nur zum Schwarzmarktkurs.

Am größten ist das Warenangebot in Phnom Penh. Trotz der noch immer spürbaren Folgen jener Fundamental-Revolution, mit der die Roten Khmer von 1975 bis Ende 1978 das Land überzogen, erscheinen die Menschen in der kambodschanischen Hauptstadt bequemer und anspruchsvoller zu leben als die Einwohner der spartanischen Städte im Norden Vietnams.

An der Tempelruine Ta Prohm, einem Relikt aus dem 12. Jahrhundert, 40 Kilometer außerhalb Phnom Penhs, füllt sich an Sonntagen der Parkplatz mit Mopeds, auf denen Khmer-Familien zum Picknick ins Grüne fahren. Eine gewisse Schicht verfügt unter dem von Vietnam eingesetzten Heng-Samrin-Regime offenkundig über die nötigen Mittel für einen Lebensstandard, den die Vietnamesen am Ende des Versorgungspfades noch längst nicht erreicht haben.

Fremden Beobachtern bleiben weite Gebiete Kambodschas verschlossen. Nach Siem Reap und Angkor Wat werden Prominente nur aus besonderen Anlässen geflogen. Die Straßen entlang des Ton Le Sap-Sees werden für Langstreckenrouten kaum noch benützt. Allerdings verkehrt noch immer der Zug von Phnom Penn nach Pursat. Angkor Thom, die von König Jayevarman VII. erbaute Festung, nur 12 Kilometer von Angkor Wat entfernt, ist nicht mehr zugänglich. Guerilleros, vor allem Rote Khmer, machen die Gegend unsicher. Den vietnamesischen Besatzungstruppen ist es bisher nicht gelungen, mit den Aufständischen hier fertigzuwerden.

Khmer-Milizsoldaten bewachen alle Brücken im Lande. In der Provinz Kompong Speu, südlich von Phnom Penh auf dem Wege zum Hafen Kompong Som, dem früheren Sihanoukville, spricht der stellvertretende Provinzchef von einer "guten" Sicherheitslage. Er rühmt sich vor einer Gruppe ausländischer Journalisten, hundert "irregeführte Personen" hätten in der ersten Hälfte dieses Jahres die Waffen niedergelegt und seien zu den Behörden übergelaufen.