Augsburg

Als der 47jährige Oberstudienrat Klaus G. vor fast genau einem Jahr am 22. Oktober 1984 morgens in der Fachoberschule Augsburg anrief und gewissenhaft mitteilte, er könne nicht zum Unterricht kommen, weil er seine Frau getötet habe, hielt das sein Kollege am anderen Ende der Leitung zunächst für einen "schlechten Witz". Verständlich, kannte doch das Kollegium den Oberstudienrat als einen "introvertierten, absolut verläßlichen, unauffälligen, niemals aggressiven" Mann, den man nicht einmal im Scherz mit etwas so Ungeheuerlichem in Verbindung gebracht hätte.

Seit jenem Anruf ist Klaus G. nicht mehr in seiner Schule gewesen. Daß er überhaupt jemals wieder unterrichten wird, ist sehr unwahrscheinlich. Vergangene Woche hat das Augsburger Schwurgericht den Lehrer für Sport und Englisch wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt. Auf Bewährung zwar – aber für die beamtenrechtlichen Folgen spielt das keine Rolle.

Schwarze Hornbrille, ein etwas altmodischer, abgetragener Anzug, eine ausgebeulte Aktentasche in der Hand – so, wie er Tag für Tag ins Klassenzimmer gegangen ist, erscheint der Oberstudienrat auch im Gerichtssaal. Einige seiner Kollegen sind auch da: als Zeugen, oder als Zuhörer. Sie erfahren vom quälenden Ende einer Ehe, von einem erbittert geführten Scheidungsverfahren, vom schweigenden Nebeneinanderleben in einer "vergifteten Atmosphäre", wie es der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung einmal nennt. Das Trennungsjahr in der gemeinsamen Wohnung, wo der Lehrer sich in einem Kinderzimmer verkriecht; die Monate nach der rechtskräftigen Scheidung, als der 47jährige noch immer nicht ausgezogen ist, weil er bei seinen Söhnen im Alter von elf und fünfzehn bleiben will, nachdem sein größter Wunsch, nämlich das Sorgerecht zu bekommen, nicht in Erfüllung gegangen ist: Was war das für ein Leben?

"Für meine Kinder hätte ich auch eine solche Ehe noch ertragen, obwohl das schon kein Leben mehr war", schrieb Klaus G. damals in einem Brief an Verwandte, "Nora hat mich seelisch, geistig, körperlich und moralisch kaputtgemacht." Auch aus Briefen der 44jährigen Frau wird in dem Prozeß zitiert: "Die Art, wie er unser Leben zerstört, macht mich ganz fertig. Er spricht seit zwei Jahren nicht mehr mit mir. Das Leben in der Wohnung ist unerträglich." Ein Satz wie "Er drohte mir, daß es eine Katastrophe gibt, wenn er die Kinder nicht bekommt" ist für die Nebenklage die Ankündigung des Verbrechens.

Das Schwurgericht glaubt nicht an dieses Motiv. Selbst der Staatsanwalt schließt in seinem Plädoyer eine "geplante Tötung" aus. Vier Tage, bevor Klaus G. ausziehen wollte, passierte es: "Ein unglücklicher Geschehensablauf", an dessen Ende "eine Leiche auf der Strecke blieb", wie es der Vorsitzende des Schwurgerichts formuliert. Das Gericht hat keine Zweifel an der Schilderung des Angeklagten, nicht nur, weil sie unwiderlegbar ist.

Klaus G. sieht seine Frau am Morgen in der Küche. Eine günstige Gelegenheit, mit ihr über seinen bevorstehenden Auszug zu sprechen, glaubt er. Doch die 44jährige möchte nicht mit ihm reden. Als sie die Küche verlassen will, stellt er sich ihr in den Weg. Sie ergreift ein Messer, das er ihr aus der Hand schlägt. Es kommt zu einem Kampf, der Angeklagte packt seine Frau mit beiden Händen und würgt sie bis zur Bewußtlosigkeit. Aus einer Verletzung der Nase fließt Blut in die Atemwege, Eleonore G. erstickt.