"Aber nehmen wir für einen Augenblick an, daß die Großmächte davon Abstand nehmen, uns zu vernichten, so können wir sagen, daß es nun so aussieht, als wären die Aussichten für eine ‚Schöne neue Welt‘ günstiger als für ein ‚1984‘."

Aldous Huxley, 1958

Schon vor fast dreißig Jahren, in der umfangreichen Nachschrift zu seinem berühmten utopischen Roman "Schöne neue Welt", hat Aldous Huxley erkannt, daß den demokratisch regierten Staaten des Westens die Realisierung der von ihm entworfenen Utopie sehr viel eher drohe als ein Orwellsches "1984", das nur "die vergrößerte Projektion einer Gegenwart, welche den Stalinismus beinhaltete, und einer unmittelbaren Vergangenheit, welche das Emporkommen des Nazitums miterlebt hatte, in die Zukunft (war)".

Zu Recht schreibt Huxley, "daß ein Terrorregime im großen und ganzen weniger gut funktioniert als ein Regime durch gewaltlose Manipulation der Umwelt und Gedanken und Gefühle einzelner Männer, Frauen und Kinder". Daß dies richtig ist, erscheint nicht nur evident, es wird auch durch die Verhaltensforschung bestätigt. In seinem grundlegenden Lehrbuch der Humanethologie stellt Irenäus Eibl-Eibesfeldt fest, daß die Huxleysche Utopie ungleich wirklichkeitsnäher als die Orwellsche ist. Er sieht die Gefahr eines Zusammenschlusses "zu perfekten Großverbänden unter Aufgabe der Individualität", wobei der Hedonismus zum sozialen Kitt wird, der die infantilisierten Individuen zusammenhält.

Trotzdem stand in den letzten Jahren, besonders natürlich 1984, die negative Utopie von George Orwell – zugleich natürlich die Frage, inwieweit sie Realität geworden ist – im Vordergrund der Diskussion. Es ist das Verdienst des amerikanischen Medienwissenschaftlers Neil Postman, erneut auf die Bedeutung der nicht minder negativen Utopie Huxleys hingewiesen zu haben. Er tut dies besonders in seinem Buch "Wir amüsieren uns zu Tode", dessen Kernthese besagt, daß nach und nach alle Bereiche des öffentlichen Diskurses den Gesetzen des "show business" unterworfen werden. Während eine wort- und schriftgestützte Kultur dem rationalen Diskurs ebenso föderlich ist wie der menschlichen Phantasietätigkeit, bewirkt eine Kultur, deren Basis vor allem Bilder ("images") sind, das Gegenteil:

"Huxley hat gezeigt, daß im technischen Zeitalter die kulturelle Verwüstung weit häufiger die Maske grinsender Betulichkeit trägt als die des Argwohns oder des Hasses. In Huxleys Prophezeiung ist der Große Bruder gar nicht erpicht darauf, uns zu sehen. Wir sind darauf erpicht, ihn zu sehen. Wächter, Gefängnistore oder Wahrheitsministerien sind unnötig. Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Untersuchungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung." In den Vereinigten Staaten von Amerika ist, so Postman, dieser Prozeß schon besonders weit fortgeschritten. Durch das Fernsehen und die damit verbundene Unterhaltungsindustrie werden alle Bereiche der Öffentlichkeit deformiert. Das Kernproblem besteht dabei nicht in den Unterhaltungssendungen des Fernsehens, sondern darin, daß das Fernsehen alle Themen als Unterhaltung präsentiert und damit auch andere Lebensbereiche prägt.

Dies hat tiefgreifende Folgen. So ist es heute in den USA unmöglich geworden, daß ein stark übergewichtiger Politiker für ein Spitzenamt kandidiert. Richard Nixon hat einmal eine Wahlniederlage ernsthaft auf die Sabotage des Maskenbildners zurückgeführt. Den Fernsendebatten der Präsidentschaftskandidaten kommt ein völlig übersteigerter Stellenwert zu, wobei es selbstverständlich nicht um Inhalte geht, sondern um das Image, um die Vorstellung, die jeder Kandidat gibt. Vor der Fernsehdebatte 1984 wurde zwischen den Beraterstäben Reagans und Mondales ausdauernd um jedes Detail, z. B. die Farbe der Kulissen, gerungen. Beide Kandidaten simulierten vorher ihre Auftritte mit Doubles und studierten die Mimik des Gegners mit Hilfe von Videoaufzeichnungen.