Staatsanwalt Julio Strassen rutscht auf die Kante seines Polstersessels, rückt die metallene Angel des Mikrophons zurecht und verliest in schneller Folge seine Strafanträge: "Jorge Rafael Videla – Lebenslänglich. Emilio Eduardo Massera – Lebenslänglich. Orlando Ramon Agosti – Lebenslänglich."

Seitlich rechts von ihm, auf der Anklagebank aus dunkler Eiche, sitzen, Schulter an Schulter, die Exkommandanten dreier Militärjunten Argentiniens aufgereiht. Die Gesichter der Juntageneräle und -admiräle bleiben starr. Die Stimme des Anklägers scheint sie nicht zu erreichen: "Roberto Eduardo Viola – Lebenslänglich. Armando Lambruschini – Lebenslänglich."

Auf den Zuschauertribünen des großen Gerichtssaals versiegt das Knarren der hölzernen Sitze. Die Rechtsanwälte unten im Parkett lösen ihre Schreibstifte von den Notizblöcken und über die Köpfe der Ex-Juntachefs tragen Lautsprecher die zigarettenrauchgegerbte Stimme des Staatsanwaltes in den Saal: "Leopoldo Galtieri – 15 Jahre Gefängnis. Basilio Lami Dozo – 10 Jahre Gefängnis. Alle Angeklagten tragen die Kosten des Verfahrens."

Der nüchterne Schlußsatz eines sechs Tage währenden Anklagemarathons? Das Ende eines Plädoyers in dem nicht nur für Lateinamerika historischen Prozeß gegen neun seiner Diktatoren?

Staatsanwalt Strassera lehnt sich ein Stück zurück, legt die maschinenbeschriebenen Blätter seiner Anklageschrift vorsichtig auf den Tisch. Flüchtig rafft die rechte Hand eine Haarsträhne zurück: "Herren Richter", setzt er von neuem an, "ausdrücklich möchte ich darauf verzichten, die Anklage mit prätentiöser Originalität zu beenden. Ich möchte ein Wort benutzen, das nicht von mir stammt. Ein Wort, das heute dem gesamten argentinischen Volk gehört. Nunca mas!"

Nie wieder! Der moralische Aufschrei Argentiniens zu einem Neubeginn. Die Phrase, die wie ein Lauffeuer durch die Länder Lateinamerikas ging. Der Aufruf, der nach dem Fall der Diktatur an allen Hauswänden prangte. Die Blicke der sechs Richter verharren auf dem Staatsanwalt. Keine Bewegung in der Reihe der Angeklagten.

Da schwappt plötzlich von den Tribünen eine Schallwelle erlösenden Beifalls in den Saal hinunter. Rufe machen sich frei für den Staatsanwalt. Viele der 300 Zuhörer springen auf und drängen an die Balustrade. Sie klatschen hinunter und geben sich die Hände zum gegenseitigen Glückwunsch. Verunsichert versucht ein Polizist, eine weinende Frau vom Geländer zu drängen. Die Anklage des Staatsanwaltes war die Anklage des Volkes. Nunca mas...