Am vergangenen Wochenende ist der Protest Münchner Bürger gegen das Vorhaben, am Hofgarten ein gigantisches Bürogebäude mit Kuppel, genannt Bayerische Staatskanzlei, aufzutürmen, nun auch wirklich öffentlich sichtbar geworden. Es waren keine Heerscharen, die sich da am Odeonsplatz vor der Feldherrnhalle versammelten, es kam aber auch nicht nur jenes verlorene Häuflein von insubordinationsverdächtigen Besserwissern zusammen, das die bayerische Staatsregierung immer auszumachen beliebt. Unter denen, die der kraftvoll staatsmännischen Rede des wortgewaltigen Landesfürsten (er hatte sich als der Kabarettist Jörg Hube verkleidet) genüßlich lauschten, entdeckte man viel kulturelle Prominenz; man will sogar einige gesehen haben, die ein CSU-Parteibuch besitzen. Inzwischen hat selbst die schwarze Fraktion im Stadtrat eingesehen, daß die Rettung des Stadtbilds wichtiger ist als der treu-brave Schulterschluß innerhalb der Partei.

Mit Unterschriftenlisten, Petitionen und Leserbriefen haben engagierte Bürger immerhin erreicht, daß das Projekt am Hofgarten (und genau dort soll es errichtet werden, auch wenn der Bauherr in spe etwas anderes behauptet) auf breiter Ebene diskutiert wurde – und die Medien haben die architektonische Großmäuligkeit in der ganzen Republik bekannt gemacht.

Noch aber ist die neowilhelminische Kuh nicht vom altbayerischen Eis. Da das von Max Weber plastisch beschriebene Machtinteresse der Bürokratie ein freiwilliges Umdenken nicht zuläßt (auch bei der Staat München haben Politiker, nicht Beamte die Wende bewirkt), hilft Überredungskunst, helfen Argumente wohl nicht. Allenfalls Zwang. Die Landeshauptstadt ist entschlossen, gegen den rechtsfehlerhaften Zustimmungsbescheid der Regierung von Oberbayern, gegen die Baugenehmigung also, notfalls zu klagen, weil sie ihre Planungshoneit verletzt sieht. Spät, aber immerhin hat man begriffen, daß die Staatskanzlei an dieser Stelle eine städtebauliche Katastrophe darstellte. Die – hauptsächlich verkehrstechnischen – Sünden der Vergangenheit im Bereich des Altstadtrings zwischen der Maximilianstraße und dem Englischen Garten würden verewigt und die gerade in diesem Bereich noch mögliche und notwendige integrierende Planung wäre unmöglich. Dabei könnte die Anbindung eines Wohnviertels mit angenehm urbaner Atmosphäre an den Residenzbereich bei einiger Anstrengung zu einer städtebaulichen Glanztat werden. Die Stadt München will es versuchen – falls man sie läßt.

Die Bürger, die am Odeonsplatz demonstriert haben, wollen dies auch. Und sie tun die ihnen in der Verfassung des Freistaats verbriefte Pflicht, denn dort heißt es im Artikel 117, daß alle an den öffentlichen Angelegenheiten Anteil zu nehmen hätten. Vielleicht findet sich in der Staatskanzlei ein Exemplar davon: zum Nachlesen – und zum Nachdenken über den Umgang der Mächtigen mit dem Volk, das schließlich Träger der Staatsgewalt ist, wie Artikel 2 selbiger Verfassung kundtut, und das sich in dieser geplanten Staatskanzlei nicht repräsentiert sieht! Helmut Schneider