Die neue Eskalation der Gewalt und des Hasses

Von Michael Sontheimer

Frankfurt, im Oktober

Ich kann seitdem nichts mehr essen", sagt die junge Frau, sie hat ein müdes, trauriges Gesicht. "Mir geht das einfach nicht mehr aus dem Kopf." Es dämmert, ein kalter Wind treibt die ersten Herbstblätter die Hufnagelstraße im Frankfurter Gallusviertel hinunter. Neun Tage sind vergangen, seit sie hier einen leblosen Körper auf dem Asphalt liegen sah. "Er lag in einem See von Blut", sagt sie. Jetzt liegen dort Dutzende von Blumensträußen und Kränze. Zwischen zwei Fackeln ist ein Plakat mit dem großen Porträt eines Mannes mit dunklen, halblangen Haaren und Schnurrbart postiert. Günter Sare hat er geheißen. Tag und Nacht wird seit seinem grausamen Tod unter dem Wasserwerfer eine Mahnwache gehalten. Bis zur Beisetzung haben daran 200 Menschen teilgenommen. Alle wurden von Polizeibeamten in Zivil sorgfältig Photographien.

Die Frau mit dem müden Gesicht ist 25 Jahre alt, studiert Sozialpädagogik und arbeitet als Kinderbetreuerin; sie ist in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten aktiv. Günter Sare hat sie zwar nicht persönlich gekannt, doch an jenem verhängnisvollen Abend war sie, wie er, gekommen, um gegen die Auftaktveranstaltung der hessischen NPD für den Bundestagswahlkampf zu protestieren, die im Haus Gallus angesetzt war, keine hundert Meter weit von der Stelle entfernt, wo später Sare den Tod fand.

Es mutet – zumindest im nachhinein – schon merkwürdig an, daß die Frankfurter Polizei nichts dagegen einzuwenden hatte, daß sich die "Nationaldemokraten" neben dem Schulhof der Günderode-Schule versammeln durften, wo am Nachmittag desselben Tages ein deutsch-ausländisches Freundschaftsfest begangen wurde. Nicht merkwürdig, sondern eher bezeichnend dafür, wie in der Bundesrepublik mit deutscher Geschichte umgegangen wird, ist es, daß die NPD unter dem Schutz der Polizei ausgerechnet in jenem Haus auftreten konnte, in dem vom Dezember 1963 bis zum August 1965 zwanzig SS-Chargen, -Wächtern und -Ärzten des Konzentrationslagers Auschwitz der Prozeß gemacht wurde.

"Verstehst du, und dann sagen mir junge Polizisten: ’Ich habe nur Befehle ausgeführt", erzählt die Studentin, "wie die SS-Männer, der gleiche Spruch." Verzweifelt klingt es. "Das hat etwas bei mir endgültig zerstört", fügt sie noch hinzu, "nämlich, daß die Polizei eine Ordnungsfunktion hat. Die haben sich zum Teil benommen wie abgerichtete Bluthunde." Sie selber ist gegen Gewalt, auch gegen Gewalt, die von Demonstranten ausgeht. "Ich finde es nicht richtig, Steine zu werfen, obwohl es ungeheuer schwerfällt, sich zurückzuhalten, wenn man das hier miterlebt hat."