Von IIma Rakusa

Zehn junge Frauen liegen in Leningrad auf einer Entbindungsstation, die unerwartet unter Quarantäne gestellt wird. Zum Zeitvertreib erzählen sie sich während zehn Tagen zehnmal zehn Geschichten – über die erste Liebe, über Liebesakte in komischen Situationen, über Untreue und Eifersucht, über Geld und was manchmal davon abhängt, über hochherzige Taten, über Sexualverbrecher und deren Opfer, über Akte der Rache, über das Glück. Boccaccio einmal anders, aus umgekehrter Perspektive. Und natürlich hat sich dieses Frauen-Dekameron eine Feministin ausgedacht, die 1943 in Leningrad geborene, heute in München lebende Schriftstellerin und Theaterwissenschaftlerin Julia Wosnessenskaja.

Die Autorin engagierte sich schon früh für die inoffizielle Kulturbewegung. Dafür wurde sie mehrmals mit Lagerhaft bestraft. 1979 gründete sie mit Leningrader Kolleginnen die erste feministische Zeitschrift der Sowjetunion: Die Frau und Rußland. Daß die Zeitschrift im Selbstverlag erscheinen mußte, erklärt sich aus der Tatsache, daß es darin nicht um eine Kampfansage an den Mann, sondern an ein Regime ging. Nach Meinung der Herausgeberinnen enthält das Regime beiden Geschlechtern die ihnen zustehenden Rollen vor, verweigert den Frauen die Mutterschaft, indem es sie zum Geldverdienen zwingt. Die Situation der Frauen zu verbessern, hieß folgerichtig, im Rahgesamtdemokratischen Engagements men eines Kritik am Staat zu üben. Doch von welcher ideologischen Warte aus?

Hier teilen sich die Meinungen der russischen Feministinnen; Julia Wosnessenskaja plädiert für eine Kritik der realsozialistischen Gesellschaft vom christlichen Standpunkt aus; so kam es 1980 zur Gründung des religiösen Frauenklubs "Maria" und einer gleichnamigen Zeitschrift. Mittlerweile leben sowohl die christlichen Feministinnen Julia Wosnessenskaja, Tatjana Goritschewa, Natalja Malachowskaja als auch ihre sozialistische Gegenspielerin Tatjana Mamonowa im Westen; der KGB hat sie bereits im Sommer 1980 des Landes verwiesen. Ihre Aktivitäten setzen sie von hier aus unvermindert fort.

In einem Punkt zumindest dürften sich der russische und der westliche Feminismus treffen: im Bestreben, der Frau zur vollen Entfaltung zu verhelfen. Die Wege zur Verwirklichung dieses Postulats aber sind konträr. Während sich bei uns manche Hausfrau nach beruflicher Tätigkeit sehnt, kämpfen berufstätige Frauen in der Sowjetunion für das Recht auf ein Leben als Hausfrau. Die formelle Gleichberechtigung geht in Wahrheit mit so vielen Pflichten einher, daß sie ihr elementarstes Recht, Frau zu sein, einbüßt. Hinzu kommt die Verweichlichung der Männer, der grassierende Alkoholismus; die sowjetische Gesellschaft droht zu einer "pseudomatriarchalischen Anti-Utopie" zu werden.

Wosnessenskajas Geschichtenerzählerinnen – unter ihnen eine Biologin, eine Werftarbeiterin, eine Theaterregisseurin, eine Nomenklatura-Dame, eine Gelegenheitsprostituierte, die Frau eines Polithäftlings – wissen darüber und über vieles andere ein Liedchen zu singen. Manches klingt für westliche Ohren so unglaublich, daß man der Autorin unterstellen möchte "se non e vero, e ben trovato" (wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden). Gemeint sind weniger die erotischen Pikanterien oder Schauergeschichten über Sexualverbrechen (die Extreme sind wohl überall gleich extrem) als die beschwerlichen Aventüren des Alltags, die Tricks etwa, die es in der Sowjetunion braucht, um ungestört lieben zu können: In einer Kommunalwohnung wird samstags im "Schichtwechsel" geliebt. Ein verheiratetes Arbeiterpaar, das über kein gemeinsames Zimmer verfügt, flüchtet in der Not auf das Dach des Wohnheims. Ein Ehepaar auf Dienstreise muß wegen überfüllter Hotels sein Schäferstündchen in einem Klubhaus abhalten, wobei es während des Akts von einem Breschnjew-Transparent heimgesucht wird. Komische Situationen, gewiß; nur vergeht einem das Lachen, wenn man erfährt, daß ein hoher Prozentsatz der sowjetischen Scheidungen auf Konto der prekären Wohnverhältnisse geht.

Wissenswertes und Amüsierliches berichtet die Stewardess Albina über die Promiskuität der "goldenen Jugend" und über die sowjetische Prostitution, auch über jene in den Ausländerhotels, die vom KGB betrieben wird. Ebenso unzensiert wirken die Schilderungen der ehemaligen Lagerinsassin Sina über tödliche Eifersuchtsdramen unter inhaftierten Frauen, über die Vergewaltigung des minderjährigen Sohns einer Gefangenen durch eine Häftlingsgruppe (auch Männer werder als Opfer gezeigt), über die Schwierigkeit der Entlas senen, sich ins gesellschaftliche Leben wieder einzugliedern. Von der Dissidentin Galina, deren Mann in einem mordwinischen Lager sitzt, erfährt man, wie ein simulierter Beischlaf unter Aufsicht des Wärters zur Abschrift geheimer Informationen dienen kann. Und wer es noch nicht wußte, weiß nun auch, daß das Verschenken von Bananen in der Sowjetunion einer hochherzigen Tat gleichkommt, daß es außer Salz kein Produkt gibt, das nicht mindestens einmal Mangelware gewesen wäre (während etwa wasserdichte Windelhöschen überhaupt nicht und gute Schnuller nur in Tallin zu haben sind), daß der Kommunismus reif ist für die Neudefinition "Sowjetmacht plus Alkoholisierung des ganzen Landes".