Hoven: Herr Böll, wissen Sie eigentlich, was mit Ihnen als Schriftsteller, was mit Ihren Erzählungen, Romanen und politischen Schriften passiert, wenn sie zum Gegenstand des Unterrichts oder von wissenschaftlichen Diskussionen werden? Haben Sie eine Vorstellung davon?

Böll: Ich bekomme hin und wieder Dissertationen und auch Essays aus der akademischen Szene, die sehr unterschiedlich sind und die ich unkommentiert zur Kenntnis nehme. Dasselbe trifft zu für Aufsätze von Schülern, die ich manchmal zu Gesicht bekomme. Manchmal schreiben mir auch Schüler. Mir fällt auf, daß die meisten einen Autor, ob der Goethe heißt oder Fontane oder ein Gegenwartsautor ist, nicht aus der Zeit heraus kommentieren, in der er seine Bücher geschrieben hat. Die Zurückversetzung in die Zeit der Entstehung, in die politische, gesellschaftliche, weltpolitische und innenpolitische Situation geschieht sehr selten. Die Zeitlichkeit eines Autors, auch wenn er Goethe oder Hölderlin heißt, müßte aber das Erste sein, das man zu vermitteln versucht, bevor man anfängt ihn auszulegen, zu interpretieren. Noch wichtiger wäre es, den Schüler und Studenten zunächst einmal zum Leser zu machen. Zum Leser!

Man sollte niemanden zum Lesen zwingen. Es mag Schüler geben, die das eine oder andere gar nicht interessiert, und die sollte man nicht zwingen. Es sollte keine Zwangslektüre geben. Das ist das eine. Zum anderen sollte man den, der wirklich gelesen hat, zunächst veranlassen, sich spontan dazu zu äußern, ein Urteil, eine Beurteilung und auch eine Interpretation zu geben, ohne irgendwelche Vorgaben oder auch nur Anregungen.

Hoven: Da bin ich skeptisch, daß Schule und Hochschule Schüler und Studenten zu Lesern machen könnten. Die Voraussetzungen, also Rahmenrichtlinien in der Schule und Studienordnungen in der Hochschule, wie auch die Absichten – und das scheint mir nicht unwesentlich – der in diesen Institutionen Lehrenden lassen das nicht zu. Traditionell wird im Deutschunterricht wie im germanistischen Seminar Literatur zunächst mal interpretiert, und zwar nach Vorgabe fachdidaktischer und fachwissenschaftlicher Perspektiven. Das Lesen von Literatur findet schon unter diesen Voraussetzungen statt. Meine Frage: Sollten nicht Schriftsteller, die auf Leser angewiesen sind, sich Leser wünschen, in den Prozeß von Literatur und Lernen eingreifen? Sollten sie nicht deutlich machen, welchen Stellenwert Literatur gesellschaftlich haben kann, welche Möglichkeiten des Widerstands in der Literatur liegen? Fachdidaktische wie fachwissenschaftliche Kriterien nivellieren diese Möglichkeiten in den meisten Fällen.

Böll: Ich sehe da gar keine Möglichkeiten, einzugreifen. Wenn, dann müßte es ein Gesamtgespräch unter den sogenannten Schulbuchautoren geben und natürlich entsprechende Gespräche mit den Kultusministerien. Ich habe mich als Schüler nicht vom Lesen abhalten lassen. Lesen ist etwas, das nicht nur Schule und Hochschule angeht, sondern auch den Schüler oder Studenten selbst. Er kann jedes Urteil, jede Auslegung von sich aus geben. Das ist legitim. Jeder Leser ist ja im Grunde Interpret. Die Gefahr bei didaktischen Vorgaben ist, das sehe ich auch, die Tötung der Phantasie und die Sterilisierung der Sensibilität. Jedoch, in den Prozeß von Literatur und Lernen einzugreifen, das würde voraussetzen, daß wir uns selber interpretieren, eine Interpretation vorgeben. Es wäre nur eine Verschiebung der didaktischen Methode, wenn der Autor sich selber interpretieren und sagen würde: So will ich das gesehen haben. Das kann er gar nicht, weil er es selber nicht weiß und nicht wissen darf. Denn er ist kein Didaktiker, er ist kein Lehrer. Diese Differenz zwischen Deutschunterricht und Germanistikstudium auf der einen Seite und Literatur auf der anderen Seite, aufzuheben, das ist fast unmöglich. Es würde eine neue Didaktik voraussetzen.

Hoven: Natürlich, ein Schriftsteller kann nicht seine eigene Interpretation vorwegnehmen, beeinflussen oder steuern. Aber ich denke, indem er sich überhaupt zu Literatur und Lernen äußert, vielleicht einige klassische Autoren vorstellt, sich selbst als Leser anderen Lesern vorstellt, macht er den beamteten und selbsternannten Literaturlehrern eines deutlich: So, wie ihr mit Literatur umgeht, geht es nicht.

Böll: Nun, ich tue das ja, indem ich hin und wieder Bücher bespreche, und zwar meistens ausführlich, mit Adam und Eva anfangend. Ich betrachte das als einen Beitrag zur möglichen Behandlung von Literatur. Es ist auch, sagen wir, ein Teil didaktische Arbeit: ein Buch zu lesen, über die Lektüre zu schreiben, es ästhetisch und inhaltlich zu würdigen. Und vielleicht ist das die einzige Möglichkeit für Autoren, eine Art Anweisung für das Lesen, eine Einführung in Literatur überhaupt zu geben. Ich komme noch mal zu dem, was ich am Anfang gesagt habe. Der Lehrer oder Hochschullehrer kann natürlich sagen: Lesen Sie das mal, und dann reden wir darüber, und Sie äußern sich dazu wie Sie das im zeitlichen Kontext sehen, was daran möglicherweise – ich würde nicht sagen: zeitlos, das ist zu anspruchsvoll, aber: überzeitlich ist. Ich denke, mit dieser Methode könnte man bei den Klassikern anfangen, mit denen, die wir uns als Klassiker vorstellen. Bei Goethe zum Beispiel feststellen: In welcher Zeit hat der gelebt, was waren das für politische, geschichtliche Umstände – und dann das von Goethe Geschriebene konfrontieren mit der heutigen Zeit. Grob gesagt, sehr plump gesagt: Goethe mit Auschwitz konfrontieren und sich überlegen: Wenn er das erlebt hätte, was könnte er dazu gesagt haben.