Die beiden leichtgekleideten Damen vor der Lido-Bar in der Potsdamer Straße beobachten die Demonstranten ohne großes Interesse. Ein Geschäft läßt sich mit denen offensichtlich nicht machen. Solidarität? "Mit uns marschiert doch och keener, dabei hab’n wir det wirklich nötig."

Berlin, Montagabend. Auftaktveranstaltung zur Aktionswoche des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Es ist kalt und regnerisch. Doch der Zug wird immer länger. Gewerkschaftsmitglieder und Arbeitslose, Rentner und Schüler demonstrieren hier und in anderen Städten gegen Sozialabbau und Arbeitslosigkeit, gegen eine "Politik für wenige" und die aroeitnenmerfeindliche Haltung der Regierung Helmut Kohl.

Elftausend Menschen, meint die Polizei am Ende, seien in Berlin zusammengekommen; mit sechstausend hatte sie zunächst gerechnet. Der Landesvorsitzende des DGB, Michael Pagels, spricht gar sichtlich erleichtert von 15 000 Kollegen. Auf jeden Fall waren es mehr, als viele Funktionäre angenommen hatten – ein gelungener Auftakt für die Aktionswoche.

Hauptredner Lothar Zimmermann vom DGB-Bundesvorstand in Düsseldorf kommt gegen den Demo-Lärm kaum an. Aber die meisten wissen ohnehin, was der DGB-Mann zu sagen hat. "Sozialabbau" heißt das Stichwort. Und das Ergebnis: "Armut" ruft er. Den Arbeitnehmern seien "von 1982 bis 1985 über 211 Milliarden Mark an Geld genommen" worden. "Welch eine gewaltige Summe der Umverteilung von unten nach oben." Jetzt helfe nur noch massiver Druck und ein "öffentlicher Aufschrei, um die Bonner Regierungskoalition auf sozialen Kurs zu bringen", fordert der Gewerkschafter.

Der Zorn der Gewerkschaften kommt nicht von ungefähr. Mit starken Worten gegen den Wohlfahrtsstaat hatte die Wirtschaftsclique von CDU und FDP im Sommer ’82 die Wende in Bonn betrieben. Die Unternehmen, hieß es, kämen auf keinen grünen Zweig, weil sie die ständig steigenden Kosten eines wuchernden Sozialsystems tragen müßten, das zum Mißbrauch förmlich einlüde.

Schon wenige Wochen nach Übernahme der Regierung schlugen Helmut Kohls Staatssanierer deshalb konsequent und schmerzlich zu. Die zum 1. Januar 1983 fällige Rentenerhöhung etwa wurde um ein halbes Jahr verschoben – wie zu Zeiten der sozial-liberalen Koalition. Bagatellarzneien gegen Schnupfen und Abführmittel gab es nicht mehr auf Krankenschein. Die Voraussetzungen für die Zahlung von Arbeitslosengeld wurden verschärft – alles sehr spektakuläre und spürbare Schritte. In seiner ersten Regierungserklärung am 14. Oktober 1982 sagte Kanzler Kohl klar, was er wollte: "Eine Atempause in der Sozialpolitik."

Doch wahrgemacht hat der Kanzler nicht, was er mutig den Wählern angedroht hat. Die Atempause war nur ein kurzes Japsen. Der aktuelle Protest der Gewerkschaften gegen den Sozialabbau zeichnet ein Bild der christliberalen Sozialpolitik, das so schon lange nicht mehr stimmt.