Zweiundzwanzig Jahre lang berichtete Karl-Heinz Wocker für WDR und NDR aus London. Obwohl er auch populäre Fernsehshows moderierte, erkannten ihn Wildfremde auf der Straße oder im Eisenbahnabteil doch eher an seiner Stimme und an seinem nonchalanten Plauderton als an seinem Gesicht. Er war die Stimme aus England. Der Rheinländer hatte eine besondere Ader für das scheinbar leichthin Gesprochene, ebenso für das leicht und damit amüsant Geschriebene.

Wocker war ein allround-Journalist, einer aus der rar gewordenen Kategorie, die Bildung, Sachkenntnis, Lebenserfahrung und das Profil einer vorwiegend politisch orientierten Arbeit nicht davon abhielten, sich lustvoll auf berufliche Seitensprünge einzulassen. Vom Bildschirm in "Drei nach Neun" und "Spiel ohne Grenzen" werden seine zornigen Wahrheiten in Erinnerung bleiben, als er unter lautem Protest die Belgier "lausige Autofahrer" schalt oder einer vor seinem Munde herumfuchtelnden Feministin wortlos ins Händchen biß – Ausbrüche eines Temperamentvollen, der sich zum Parlando erzogen hatte. Der Wocker, das war ein Kollege, der dem Anruf: "Könnten Sie nicht mal..." selten widerstehen konnte.

Er hatte sich nicht träumen lassen, nach dem Studium (Germanistik, Geschichte), nach Redaktionserfahrung bei Zeitung und Rundfunk, daß sein erster Auslandsposten als Korrespondent auch sein letzter sein würde. London ließ ihn nicht mehr los. Von 5.50 Uhr am Morgen an riefen die Sender seine Berichte und Kommentare ab. Kaum etabliert übernahm Karl-Heinz Wocker 1963 auch noch die Berichterstattung für diese Zeitung. Die ZEIT- Leser verdanken ihm in Leitartikeln, Reportagen und Glossen ein farbiges Englandbild, weil er dem Geschehen auf der eigenbrötlerischen Insel lückenlos nachzuspüren suchte – vom großen Ringen um den EG-Händedruck mit dem Kontinent bis hin zum fliederfarbenen Abendkleid der Queen.

Wocker liebte Frankreich. Er hatte sich vorgenommen, mit seiner journalistischen Arbeit Mißverständnisse und Vorurteile abbauen zu helfen. Als "geschichtslosem Deutschen" schien ihm England dafür der geeignete Platz zu sein. "Wann immer ich etwas Neues zu entdecken glaubte, mußte ich mich belehren lassen, das schreibe schon ein Gesetz aus der Zeit Jakobs II. vor", bekannte er und schrieb, wie entmutigt, ein äußerst lesenswertes 500-Seiten-Buch über Königin Victoria.

Er war ein nie verdrossenes Arbeitstier mit musikalischer Passion. Als ihn der Tod vor sieben Jahren warnend auf die Schulter tippte, hielt es den Urlauber von da an ein wenig länger in seinem Schwarzwaldhaus, aber sein rheinischer Charme und Optimismus litten sowenig darunter wie seine vielverzweigten Arbeitsprojekte. Seine Sendungen über Bach, Scarlatti und Schütz im vergangenen Internationalen Musikjahr zogen ebenso, viele Rundfunkhörer an wie seine RIAS-Reihe "Evergreens". Gebettet zwischen vollendetem Morgenkommentar und unvollendeten Musikmanuskripten starb dieser große Journalist, 57 Jahre alt, in London. Sein Herz spielte nicht mehr mit. Jochen Steinmayr