Von Matthias Horx

Das Paradies liegt direkt an der Eisenbahnlinie zwischen dem Frankfurter Hauptbahnhof und dem Rhein-Main-Flughafen. Der Reisende wundert sich: eine Moschee? Ein moderner Puff?

Der Bau, der dort ocker-erdbraun, gedrungen und riesig am Bahndamm hockt, umgeben vom Glas und Stein der Bürovorstadt Niederrad, ist ein Monument des ökologischen Zeitalters. Das Haus ist der Lehmarchitektur indianischer, Pueblos nachempfunden, daher sein Name. Hier stimmt das Wort vom Weichbild: Keine gerade Linie, keine Kante weder innen noch außen, alles ist abgerundet, wulstig. Die Wände bestehen aus Naturziegeln, einen halben Meter dick, die Decken sind aus rohbehauenem Holz, die Böden sonnengetrocknete Tonplatten aus Mexiko.

Die Luft im Bau ist warm und feucht, ein Dschungel durchzieht das Gebäude, mit plätschernden Wasserfällen, Bassins. Wer im Innenhof des Gebäudes sitzt, spürt, wie das Haus atmet. Eine Synthese aus Ökotechnik und Mikroelektronik: Scheint die Sonne auf das große Glasdach des Atriums, ziehen summende Elektromotoren Vorhänge zu, öffnen sich Glasflächen wie Schmetterlingsflügel.

Im Mittelpunkt: der Mensch. In der "Saunalandschaft" ruht er im Gewächshaus unter üppigen Bananenstauden. Tummelt sich nackt im Whirlpool draußen auf dem Dach, während hinter den Hochhäusern der Computerindustrie die Sonne untergeht.

Ein Paradies? Da ist jenes Präfix "Freizeit", das nach Kommerz, organisierter Langeweile und Bodybuilding-Schweiß riecht. Das Haus ruht auf einer sanft-revolutionären Philosophie: "Wenn wir an die Einheit von Körper, Seele und Geist denken, wird sich gerade der psychisch durchgedrehte Städter nur dann echt erholen, wenn er in der Freizeit geistige und körperliche Aktivität entfaltet. ..."

Die utopische Synthese aus Ökonomie und Ökologie, die "postmaterielle" Gesellschaft – das Freizeitzentrum "Pueblo" ist ihr Tempel. Der Unternehmer Horst Wüstkamp hat sich den Traum 28 Millionen Mark kosten lassen. Ein Architektenteam bastelte Jahre an der ausgefallenen Architektur, stritt sich heldenhaft mit den stur geradlinigen Baubehörden. Philosophie und Konzeption lieferte der Münchner Biokybernetiker, Vernetzungsdenker, Fernsehserienmoderator und Autor von Bestsellern wie "Phänomen Streß", Frederik Vester.