Was wäre gewesen, wenn ...? Diese sachbezogen unfruchtbare, doch menschbezogen außerordentlich ergiebige Frage ist die Arbeitshypothese des Schriftstellers Dieter Kühn: In unermüdlicher, schier unerschöpflicher Erfindungsfreudigkeit variiert er sein Thema des Möglichkeitsspiels, das er schon in seiner Dissertation bei Musil entdeckt hat – die Beschaffenheit der menschlichen Natur "als Kombination verschiedenartiger, oft scheinbar gegensätzlicher Eigenschaften.

Was wäre geschehen, wenn Napoleon nicht die militärische, sondern die künstlerische Laufbahn eingeschlagen hätte? Was wäre passiert, wenn er eine Entscheidung um ein Jahr verschoben oder gar nicht getroffen hätte?

Seinem Situtationsspiel über kapitalistisch-sozialistische Wirtschaftsvorgänge ("Die Präsidentin"), seinem Modellspiel über Macht- und Unterdrückungsmechanismen ("Ein Fest für Rothäute"), seinen Doppelspielen, Doppelstücken, Doppelbildern – denn immer geht es um Paare, in denen er selbst, als Erzähler, oft den einen Partner spielt – fügt er eine neue Paarbildung hinzu, spielt er ein neues Gedankenspiel durch: was wäre gewesen, wenn Goethe in den "Wahlverwandtschaften" hervorgekehrt hätte, was in seinem uns vorliegenden Roman "entweder hinter der spanischen Wand allgemeiner Formulierungen unsichtbar gemacht wird (Charlotte und Eduard im Ehebruch-Ehebett) oder was durch Entsagungsproklamationen verhindert wird?"

Ein Lüneburger Buchhändler und Verleger schreibt vier Briefe an Goethe, die diese und andere Fragen aufwerfen; es kommt, obgleich die Briefe ohne Antwort bleiben, zu einer möglichen Paarbildung, aus der einer der Partner sich über Paarbildungen des anderen Partners ausläßt, eine köstliche Idee: Ist das von Goethe dem chemischen Modell nachgebildete Affinitätsverhalten bei Menschen durch Vorbestimmtheits-, Schicksals-, auch Arrangementsgläubigkeit nicht eher eine Zwangsverwandtschaft? Und warum redet Goethe nicht übers Gähnen, über den Krieg, über Zensur, worüber E.T.A. Hoffmann zum Beispiel ausgiebig spricht?

So wendet sich der imaginäre Briefschreiber allmählich vom Realismus ab und dem Phantastischen zu, das am Ende realistischer ist als der Realismus selber, indem es die Paradoxien des Lebens einbezieht.

Der Schreiber feiert Hoffmannsoireen, erlebt Hoffmannphantasmagorien, legt Hoffmannsammlungen an und schlägt Goethe vor, eine Hoffmannausgabe bei ihm herauszubringen.

Was soll Goethe tun? Soll er ohne Netz arbeiten? Soll er bodenloses Terrain betreten? Kühn meint, zu Recht: "Wenn ein Dichter, von dem das Land ... weiß, daß er in seinem bisherigen Leben nie in einem Raum gelebt hat, dessen Fußboden ein großes Loch aufweist, wenn der sich des Schriftstellers mit dem Loch im Boden annimmt, so wäre damit ein Zeichen gesetzt auch für Leute, die Angst vor einem Loch im Boden haben, also auch ein wenig Angst vor Leuten, die mit einem Loch im Boden leben können."