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Religion und Realität in Irland

Von Martin Alioth

Seit Beginn dieses Sommers, der dem Land nur Regen, Hagel und Sturm brachte, ist die Republik Irland in den Augen ihrer gläubigen Landeskinder Schauplatz göttlicher Fingerzeige. An über dreißig Orten des südlichen Irlands wollen Menschen Marienstatuen gesehen haben, die sich bewegten, aus deren Augen Tränen flossen, die an den Händen bluteten oder die zu der versammelten Menge der Betenden sprachen. Über einigen Madonnen sollen die Gesichter Christi, des derzeitigen Papstes oder eines Heiligen gesichtet worden sein.

Beinahe täglich wird von neuen Marienerscheinungen berichtet. Abend für Abend fahren Tausende von Irinnen und Iren jeden Alters und aus allen Schichten der Gesellschaft in Autos und Bussen zu den Stätten der Erscheinungen. Sie versammeln sich am Rande der Hauptstraße nach Waterford, vor der Statue der Jungfrau Maria an der Felsengrotte von Ballinspittle, Cork, oder an einer verträumten Waldböschung in der heidekrautbedeckten Hochebene des Klosters Mount Melleray, wo sie gemeinsam Rosenkränze beten, Choräle anstimmen und den Blick auf die Statue richten in Erwartung des Wunders. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde die Zahl der versammelten Gläubigen auf über 20 000 geschätzt. Nicht alle sehen die Bewegungen der Statuen, nicht alle sehen gleichzeitig dasselbe.

Irland ist ein katholisches Land. Eine für Besucher vom europäischen Festland unvorstellbar große Zahl von Iren geht jeden Sonntag zur Messe, beichtet, kommuniziert, spricht abends vor dem Einschlafen ein Gebet. Irland, obwohl es sich im Kern seiner politischen Identität als Republik versteht, ist ein konfessionell gebundener Staat, eine Art Iran des Christentums. Die Trennung von Kirche und Staat bleibt für einen großen Teil der Iren eine fremde Idee, die sie nicht in den Alltag zu übersetzen vermögen. Der Streit zwischen, dem Bischof von Limerick und dem Landwirtschaftsminister, ob Politiker in ihren Entscheidungen an die Lehren der katholischen Kirche gebunden seien, führt wohl in Dublin zu verständnislosem Kopfschütteln, nicht aber in Ballinspittle.

Die Katholizität der Iren hat nichts Kämpferisches; sie ist selbstverständlich. Und vor allem: lebendig. Das Erziehungswesen der irischen Republik ist beinahe vollständig in der Hand der Kirche und ihrer Orden. Die Bilder von Kirche und Religion, die irischen Kindern seit Generationen vermittelt werden, haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. In dieser Vorstellungswelt haben Statuen, die sich auf wundersame Weise bewegen, durchaus Platz; sie sprengen nicht den Horizont der Menschen, die sie wahrzunehmen glauben.

So wird auch die aus dem Mund einzelner Statuen vernommene Warnung, binnen der nächsten zehn Jahre werde der Teufel die Herrschaft über die Kirche übernehmen, falls die Welt nicht zur Reue und Umkehr bewegt werden könne, durchaus ernst genommen. In ihrem ganzheitlichen Verständnis von Realität und Religion haben viele der Statuen-Pilger begonnen, andere Ereignisse dieses Sommers mit den Marienerscheinungen in Verbindung zu bringen und sie zu einer apokalyptischen Vision zusammenzufügen: Der große Hagelsturm im Juli, die ausgiebigsten Regenfälle seit Beginn meteorologischer Messungen und die Kette von Flugzeugabstürzen fügen sich nahtlos in die Prophezeiungen der Mutter Gottes ein und lassen auch noch die letzten Zweifel schwinden. Selbst die erstaunlichsten Zeugnisse der Pilger werden in freudigem, ruhigem Ton vorgetragen, ohne jede Spur eines fanatischen Untertons. Wer im Bewußtsein lebt, göttliche Präsenz erlebt zu haben, braucht andere nicht von dieser Wahrheit zu überzeugen; die Vision spricht für sich selbst.

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Nur die Skeptiker fühlen sich bemüßigt, nach naturwissenschaftlichen Erklärungen zu suchen, die leicht zu finden sind. Selbst der Bischof von Killala zitierte jüngst aus einer ophtalmologischen Fachzeitschrift, um die Bewegungen der Statuen als natürliche Folge von Licht und Schatten zu erklären. Psychologen und Mediziner füllen die Spalten der – mehrheitlich von Städtern gemachten – großen Zeitungen, um über die Kinetik des Betrachters, Massensuggestion und Hypnose zu spekulieren. Doch das ländliche Irlana fährt nachts weiterhin zu den Statuen. Historiker verweisen auf einen Parallelfall Anno 1879: Damals erschien nach einem katastrophalen Sommer die heilige Jungfrau in Knock, in der Grafschaft Mayo. Hundert Jahre später besuchte Johannes Paul II. Irland und erhob Knock zum offiziellen Marienschrein. Demnächst soll ein internationaler Großflughafen in Knock eröffnet werden, um die unzähligen Pilger abzufertigen.

Während die offizielle Kirche sich distanziertabwartend verhält und lediglich begrüßt, daß die Leute vermehrt beten, beginnen diejenigen, die das Wunder selbst gesehen haben wollen, ihr Leben umzukrempeln. Menschen, die nie oder seit Jahren nicht mehr zur Messe gingen: jetzt gehen sie wieder hin. Von jungen Burschen wird berichtet, die bis vor kurzem jeden Abend bei Bier und Spiel verbrachten, jetzt aber zur Statue hinausfahren und Rosenkränze beten. Ja, selbst wundersame Heilungen werden bereits vermeldet, Taube hören wieder, Gelähmte gehen wieder.

Für die meisten der Pilger hat der Umstand, daß die Marienstatuen sich nur in Irland bewegen, hier aber gleich zu Dutzenden, nichts Erstaunliches an sich. "Weil Irland ein heiliges Land ist, mit wirklich aufrichtigen Leuten", erklärt ein älterer Herr aus Waterford, nicht ohne sich im gleichen Atemzug über den Sittenverfall der heutigen Jugend zu beschweren. Schwester Clementine Murphy, eine Nonne aus Cork, sieht die Dinge pragmatischer: "Wir sind ein missionarisches Land, wir waren das immer. Unsere Exporte sind Missionare, und da ist es nur logisch, daß die Jungfrau Irland auswählt."

Das Bewußtsein der außerordentlichen irischen Religiosität steht in starkem Kontrast zum Gefühl, in den letzten fünf bis zehn Jahren Zeuge eines erlahmenden irischen Glaubenseifers gewesen zu sein. Das traditionelle Beten des Rosenkranzes im Familienkreis werde nicht mehr praktiziert, ja die ganze junge Generation – und nirgends in Europa ist der Anteil der jungen Generation so hoch wie in Irland – habe letztlich gar keine Religion. Die eigenen Versäumnisse werden so zur Ursache für den Weltuntergang. "Die Welt ist doch ein böser Ort geworden, nicht?", diagnostiziert die Hausfrau aus Kilkenny, die mit ihrer Freundin zu einer Rundreise zu den Statuen aufgebrochen ist. Die Wirtstochter vom Blackwater Inn, gegenüber der Statue von Dunkitt, interpretiert die Zeichen gleich: "Irgend etwas wird mit der Welt geschehen – das glaube ich wirklich."

Über dem Ganzen liegt ein Hauch mittelalterlicher Universalität, aber auch mittelalterlicher Demut. Die atomare Bedrohung hat die Bilderwelt nicht verändert – sie dient dem Realisten nur als Illustration. Irland manifestiert sich dem Betrachter, der von außen kommt, derzeit als Insel, auf der eine andernorts versunkene Denkweise sich ansatzweise bis in die Gegenwart erhalten hat, als Stätte für eine Archäologie mittelalterlicher Mentalität, die allein deswegen, weil sie auf dem Kontinent Aufklärung und Liberalismus nicht überdauert hat, nicht zwangsläufig minderwertig zu sein braucht.

Der Einbruch fremder, außerinsularer Ideen im Verlauf des letzten Jahrzehnts ist mit der Lehre der irischen Kirche nicht in Einklang zu bringen. Die Geborgenheit priesterlicher Morallehren ist dahin, statt dessen Klafft ein Vakuum, das noch längst nicht durch individuelle Gewissensentscheidungen ausgefüllt werden kann. "Rural Ireland", das ländliche Irland, wo Politik und Wirtschaft noch von Familiendynastien geregelt werden, ist zutiefst verunsichert. Die Regierung im fernen Dublin scheint entschlossen, den Staat zu säkularisieren. Schon können die über 18jährigen an staatlich kontrollierten Verkaufsstellen Verhütungsmittel beziehen. Die Absicht, Ehescheidungen zu legalisieren, erscheint immer unausweichlicher auf der politischen Traktandenliste. Und wer weiß, ob die Kirche noch einmal ihren Erfolg von 1983 wiederholen könnte, als das absolute Abtreibungsverbot per Volksabstimmung zum Verfassungsgebot erhoben wurde. Beinahe täglich finden die Medien neue Konfliktpunkte zwischen Kirche und Staat: Sexualerziehung in den Schulen, die Sterilisierung von Müttern, die keine Kinder mehr wollen (dies aber nicht selbst entscheiden dürfen), die Stellung unehelicher Kinder – von denen es in folge der Unmöglichkeit, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, sehr viele gibt – die Liste des permanenten Wertezerfalls ist endlos.

Die Pilger, die derzeit in den Grotten auf einen Fingerzeig hoffen, neigen dazu, die Vergangenheit zu idealisieren, egal, ob sie die Welt selbst erlebt haben, als sie noch in Ordnung war. Die Gegenüberstellung dieser angeblich intakten Gesellschaft mit der heutigen Realität, die von einer 17prozentigen Arbeitslosigkeit und gähnend leeren Staatskassen geprägt ist, muß zwangsläufig zu einer Bereitschaft führen, unkonventionelle Auswege ins Auge zu fassen. Und im irischen Selbstverständnis ist göttliche Hilfe durchaus nicht unkonventionell. Der traditionelle irische Fluchtweg, die Auswanderung nach England oder Amerika, ist seit wenigen Jahren versperrt: Die Arbeitslosen bleiben in Irland, als ständig präsenter Beweis, daß der junge Staat versagt hat. Die mehr oder weniger bewußte Einsicht, daß die Wirtschafts- und damit die Existenzprobleme Irlands strukturell und nicht konjunkturell bedingt sind, fördert das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, fördert die Bereitschaft zur Flucht in die Irrationalität.

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Die Neigung der Iren zu Scheinlösungen zeigt sich deutlich in den Überlappungsbereichen zwischen Kirche und Staat, bei Fragen der Moral und insbesondere der Sexualität. Die Traditionalisten, die bisher stets die Mehrheit der Wähler gestellt haben, erwarten, daß wenigstens auf gesetzlicher Ebene der Anschein gewahrt bleibt, Irland folge den Lehren Roms. Die Tatsache, daß jährlich mindestens 4000 Irinnen in Großbritannien eine Abtreibung vornehmen lassen, ist kein Gesprächsthema, solange die irische Verfassung’ das ungeborene Leben unbedingt schützt. Schulterzuckend werden die Wochenendflüge scheidungswilliger Paare in die Karibik in Kauf genommen, solange die Verfassung Scheidung verbietet und selbst denjenigen zum Bigamisten macht, der nach einer kirchlichen Annullation einen neuen Bund fürs Leben schließt. In dieser bisweilen als heuchlerisch bezeichneten Geisteshaltung, die sich mehr um Fassade und Dekor als um die tatsächlichen "Umstände sorgt, ist der Bezug zur Realität ambi-

Die derzeitige Kette von Marienerscheinungen kann in diesem Lichte als Symptom für tieferliegende Probleme der irischen Gesellschaft interpretiert werden. Zum einen ein sich stetig vertiefender Graben zwischen Stadt und Land: Während die großen Städte ihre Leitbilder immer mehr außerhalb Irlands suchen und sich an das übrige Europa angleichen, findet auf dem Land eine umgekehrte Bewegung statt, zurück zu den illustriert intakten Werten der Väter. Zum andern illustriert die Flucht 20. Jahrhundert Gebet, daß das materialistische 20. Jahrhundert gegenüber dem ländlihat: Irland seine Kerneinheit einer eingehalten hat: Die Familie als Kerneinheit einer einst homogeneren Gesellschaft ist zerbrochen, doch ein Ersatz ist nicht in Sicht, der moderne Alltag ist nicht einfacher, sondern schwieriger. Bleibt die Hoffnung, Reue über das eigene Versagen gegenüber den göttlichen Geboten könnte den Lauf der Dinge ändern.