Einer, der sich nie anpaßte – Seite 1

Von Joachim Steffen

Für Willi Geusendam war der 8. Mai 1945 der Tag der endgültigen Befreiung, und so feierte er ihn auch, zusammen mit Kameraden eines Außenkommandos des KZ Flossenbürg und Bürgern des Städtchens Pottenstein. Nach dem Eintreffen amerikanischer Truppen hatten ihn die etwa 340 KZ-Häftlinge einstimmig zu ihrem Vertrauensmann gewählt. Wochen zuvor hatte er es gewagt, mit einem halben Dutzend Politischer, nach sorgfältigem Intrigieren, den "grünen" (das heißt kriminellen) Oberkapo mit den Fäusten aus dem Amt zu prügeln und zur Arbeit an die Loren zu schicken. Getrieben wurde er durch die Angst, nach Jahren unsäglichen Leidens kurz vor Kriegsende – der Befreiung – von Kommandos der SS noch liquidiert zu werden. So mußte er versuchen, innerhalb der Häftlingshierarchie den einflußreichsten Posten zu besetzen. Das wiederum hieß: Noch einmal in einer verzweifelten Aktion das eigene Leben riskieren, um wenigstens die Chance zu haben, es mit denen der Leidensgefährten zu retten. Sie wird genutzt in einem Massensprang von makabrer Komik einen Abhang hinab. Als Geusendam sich nach drei Tagen aus dem Waldversteck traut, ist die SS fort und sind die Amerikaner da.

Damit ist ein Lebensabschnitt des damals 32jährigen Mannes beendet. Er ist gekennzeichnet durch politisch-soziale Diskriminierung; brutalen, harten Kampf um das Leben; verzweifeltes Ringen um die eigene Menschenwürde und vor allem Hunger, Hunger.

Dazu einige Daten in Stichworten: 1930 wird der Vater, Textilarbeiter, Kommunist aus Bremen, in die Niederlande ausgewiesen. Willi Geusendam darf 1931 sein Abitur machen, als Neunjähriger Mitglied der KP-Kindergruppe, mit 16 Jahren politischer Führer der Roten jungfront – nach deren Verboten lernt er früh das "konspirative", politische Arbeiten – als Abiturient geht er sofort in die UdSSR und bleibt dort bis 1934, wird bei der anschließenden, illegalen Tätigkeit in Deutschland verhaftet, ist von 1935 bis 1940 im Zuchthaus Luckau, kommt von dort ins KZ Flossenbürg, 1942 ins Außenkommando Pottenstein dieses Konzentrationslagers.

1945 wird er zu seiner Mutter in die Niederlande repatriiert und trifft dort seinen Bruder, der als Zwangsarbeiter aus Deutschland zurückgekommen ist. Willi Geusendams neue Freiheit beginnt damit, daß er unter Gewehrschüssen illegal die Grenze zurück überquert. Er sucht seinen Vater, der nach dem Überfall auf die Niederlande sofort verhaftet wurde und vom Volksgerichtshof in Berlin acht Jahre Zuchthaus zudiktiert erhielt. Der Vater hatte Emigranten über die Grenze gebracht und war "Anlaufstelle" für politische Flüchtlinge. Vater Geusendam, der sich seit dem vierten Lebensjahr in Deutschland aufhielt, war als ungelernter Arbeiter als Wort- und Streikführer aufgefallen. Politisch gehört er zu der Bremer Linken unter Johann Knief, kämpfte 1919 für die Räterepublik, war Mitglied des Spartakusbundes, Mitglied der KPD.

Willi Geusendam schlägt sich in einer abenteuerlichen Reise nach Brandenburg durch. Aus dem dortigen Zuchthaus war die letzte Nachricht gekommen. Der Vater sei nach Vaihingen/Enz verlegt worden. In Recherchen findet er Zeugen. Sein unterernährter, kranker Vater wurde unmittelbar vor Kriegsende "fertiggemacht". Mit der knappen, amtlichen Todesbestätigung kehrt er zur Mutter zurück. Später wird der Sarg mit dem Toten in die Niederlande überführt, in einem Grab für Widerstandskämpfer beigesetzt. Zehn Jahre vorher hat die politische Polizei dieses Landes mit der Gestapo zusammengearbeitet.

Dies sind nicht die Erinnerungen eines Prominenten, Berufspolitikers oder Parteibürokraten. Hier berichtet – um im Jargon zu bleiben – ein Soldat aus der revolutionären Arbeiterklasse, ein Freiwilliger im Klassenkrieg.

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Hier spricht auch keiner von seinem ehemaligen "Gott, der keiner war". Das wird deutlich in seinen Berichten über die Erlebnisse in der Sowjetunion, die er weit durchreist hat. Es war die Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft und des Beginns von Stalins Säuberungswellen. Willi Geusendam kennt Hunger, Elend, Arbeitslosigkeit. Er weiß, daß ihn kein Paradies erwartet. Die Hoffnungen des Vaters – er kennt die UdSSR als ehemaliges Mitglied einer Besuchsdelegation – waren höher gespannt; der reist dann schnell wieder aus, als er erkennt, daß er in dem Land, das seinen Glauben und seine Hoffnung verwirklichen soll, zwar die Arbeitslosigkeit verliert, aber seinen Hunger behält.

Willi Geusendam ist heute noch bereit, alle rationalen, sachlich begründeten Erklärungen – Entschuldigungen für das Sosein der UdSSR – zu diskutieren oder zu akzeptieren. Für ihn, der übrigens nie Mitglied der KP wurde, beginnt die unüberbrückbare Distanz mit der Ungleichheit (Nomenklatura), der Unfreiheit für Wort und Schrift, dem Spitzelwesen und hirnrissigen Formeln, die "die Richtigkeit" einer offensichtlich falschen Generallinie "beweisen" sollen. Er ist gegen einen Staat der Diktatur über die Arbeiter und Bauern.

Geusendam schreibt: "Ich ging Anfang Januar 1946 kurz entschlossen nach Deutschland zurück, um das Schicksal der Besiegten zu teilen. Dort war ich geboren und zur Schule gegangen. Dort hatte ich in meinen jungen Jahren gekämpft und gelitten. Dort wollte ich, nun älter und erfahrener geworden, den Start in das neue Leben wagen." Er lernt das Verlagsgeschäft "von der Pike auf", besucht eine Hochschule für Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaft. 1959 wird er Mitglied der SPD, leistet ehrenamtliche Parteiarbeit. Er ist Vorsitzender in Lübeck, stellvertretender Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein.

Bevor er nach Deutschland geht, hat er versucht, schriftlich sein bisheriges Leben festzuhalten, das Vergangene zu bewältigen, um – sich in seiner Menschlichkeit wiedergewinnend – die Zukunft nüchtern und sachlich anzupacken unter der Maxime seiner Jugend: "... nie kämpft es sich schlecht für Freiheit und Recht."

Am Ende dieses Lebens, gekennzeichnet durch Nichtanpassung, wenn es um humane Prinzipien geht, durch die Bereitschaft für das einmal als richtig Erkannte zu kämpfen und Opfer zu bringen, schreibt Geusendam: "Ich bin’s zufrieden, wenn den Menschen die Angst vor einem neuen Krieg genommen werden kann, wenn sie freie und reine Luft zu atmen vermögen, wenn man ihnen volles Mitwirkungsrecht und echte Chancengleichheit einräumt." Das stand für ihn auch am Anfang seines politischen Lebens. Wenn sich ein solcher Kreis so schließt, sollte man sich fragen, ob wir im Kreis gelaufen sind.

Wilhelm Geusendam: Herausforderungen KJVD – UdSSR – KZ – SPD. Zur Geschichte der Arbeiterbewegung und Demokratie; Neuer Malik Verlag, Kiel 1985; 176 S., 12,80 DM