Rom, im Oktober

Lügen in der Not: Wenn sie helfen, wer will dann noch die Wahrheit wissen? Zumal wenn sie so peinlich ist wie manches andere, was den Hintergrund der jüngsten Piratenakte im Mittelmeer bildet. Etwa der Radio-Funkspruch, den Italiens militärische Abwehr am 9. Oktober auffing und an die Regierung in Rom weitergab. Er brauchte auch politisch gar nicht erst entschlüsselt zu werden: "Kommandant, wir freuen uns, deine Stimme zu hören", rief einer der arabischen Terroristen, die seit 48 Stunden die Achille Lauro und ihre 488 Passagiere mit Tod und Untergang bedrohten. "Ich verschaffe euch freies Geleit, aber ihr müßt mir die Sicherheit von Schiff und Personen garantieren", beschied sie der Befehlshaber. Er war zu dieser Stunde in die Rolle des besorgten Vermittlers und Nothelfers geschlüpft: Abul Abbas, führender Funktionär der "Palästinensischen Befreiungsfront" (PLF), einer radikalen PLO-Fraktion mit Sitz und Stimme im Exekutivkomitee von Jassir Arafat.

Spadolini für Kraftakt

Arafat selber war es freilich, der "im großen Geist der Freundschaft" (so der dankbare italienische Ministerpräsident Craxi) seinen Abul Abbas nach Ägypten geschickt hatte, um das mißglückte Unternehmen abzublasen und wenigstens noch in einen Propagandaerfolg umzuwandeln. Zwar konnte man, wenn man wollte, schon wissen, daß die Urlauber auf der Achille Laura nicht alle bislang nur mit dem Schrecken davongekommen waren; am Dienstag, dem 8. Oktober, als das Schiff vor der syrischen Küste kreuzte, notierte der italienische Außenminister Andreotti in sein Tagebuch: "Die Entführer verkünden, daß sie einen Amerikaner getötet haben, aber der US-Botschafter deutet das als eine der üblichen Episoden im Nervenkrieg. Hoffen wir es."

Da Washington gegen alle Verhandlungen mit Terroristen ist (zumal solchen, mit denen offenkundig nicht einmal Syrien etwas zu tun haben wollte) und gleichzeitig auch der italienische Verteidigungsminister Spadolini zu einem militärischen Kraftakt rüstete ("den Gott verhüten möge", notierte Andreotti), waren alle Beteiligten erleichtert: Es war ein Palästinenser, der verhandelte, eben jener Abul Abbas, der in seiner Doppelrolle eine "friedliche Lösung" herbeiführte.

Doch wie ging das zu? Es war wohl nicht ein förmlicher Vertrag, aber doch ein Schriftstück, das in Port Said vom italienischen Botschafter abgezeichnet wurde und den Terroristen freien Abzug und Straflosigkeit zusicherte – "vorausgesetzt, daß es zu keiner Gewalttat gegen Menschen gekommen ist". Wollte man aber dessen so sicher sein, wie man sich einredete? "Die Entführer haben das Schiff verlassen. Besatzung und Passagiere sind wohlauf. Es gab keinerlei Gewaltakt." So meldete Kapitän De Rosa am Donnerstagnachmittag dem Außenministerium nach Rom, und in einem Radio-Interview versicherte er kurz darauf, daß die italienischen Passagiere von den Piraten gut behandelt worden seien. Und die Ausländer? "Schlechter." Erst zweieinhalb Stunden später gestand der Kapitän im Telephongespräch mit Craxi: "Ein Amerikaner ist verschwunden." Warum gestand er es erst jetzt?

Zwar waren die Piraten mit ihren Handgranaten und Maschinenpistolen von Bord gegangen, nachdem sie Patronen als "Souvenirs" und Abschiedsküsse an die Stewardessen verteilt hatten. Aber der Schock wirkte weiter, bei manchen als ein gespenstisches Gemisch aus Furcht und euphorischer Dankbarkeit gegenüber jenen, die auf den Massenmord verzichtet hatten. Und wer konnte wissen, was jetzt noch im ägyptischen Hafen geschehen könnte? "Denkt daran, ihr habt nichts gesehen und nichts gehört." Dies hatte Kapitän De Rosa auf hoher See den Augenzeugen eingeschärft, die gesehen hatten, wie der blutende Leichnam des gelähmten Leon Klinghoffer im Rollstuhl ins Meer gestürzt wurde.