Behutsamkeit ist bei diesem Experiment angebracht. Einer der mehr als 900 afrikanischen Autoren, die sich um die beiden Literaturpreise beworben haben, ist der Togolese Anineffa Kotti. "Brief an Mambo" heißt sein Beitrag. Ein Afrikaner, der in Europa studiert, schreibt ihn an seinen Freund. Er berichtet von einem Seminar, das afrophile Europäer unter dem Thema "Afrika sucht seine Identität" veranstaltet haben. In diesem literarischen Brief heißt es: "Nacheinander erschienen Psychologen, Philosophen, Wirtschafts- und Literaturwissenschaftler auf dem Podium, immer unserer Identität auf der Spur! Ich bin jedoch nicht in der Lage, Dir zu sagen, zu welchen Schlüssen sie gekommen sind ... Sollen sie doch erst einmal nach ihrer eigenen Identität suchen, denn die Bevölkerung hier ,amerikanisiert‘ sich mehr und mehr: Hamburger, Pommes frites und Ketchup überfluten das Land! Sie sollten erst einmal damit beginnen, ihre eigene Identität zu retten, die ihnen mit jedem Tag mehr durch die Finger rinnt, bevor sie versuchen, sich über die unsrige klarzuwerden."

Ein Zwischenruf, der aufmerksam registriert werden muß. Der Literaturpreis der "Deutschen Welle" würde von vornherein um jedes Gewicht gebracht, wenn diese Bemühung mit einem Unterton von Herablassung verbunden wäre. Es geht nicht um den Versuch schlichter literarischer Entwicklungshilfe, vielmehr soll dieser Preis, wie die Statuten festschreiben, der Verständigung zwischen den Völkern dienen.

Die meisten Einsendungen sind Leidensgeschichten, der Form nach Märchen, Liebesgeschichten, Monologe und Dialoge. Hunger, Eheprobleme, die Spannungen zwischen den Generationen, Examensnöte, die Angst vor der Zukunft und das Elend der Bürokraten.

Unter den 20 Texten, die der Hauptjury am Ende vorlagen, war eine ebenso stolze wie vertrackte Novelle: "Wie ein Feuer im Nebel" des Nigerianers Josef E. Obi, Jahrgang 1954. Er erzählt von George Krilby, einem weißen Richter, der den Gesetzen der Apartheid mit unnachsichtiger Härte Geltung verschafft. Auf der Fahrt in ein Nachbarland wird er in einen Verkehrsunfall verwickelt. Schwarze Ärzte flicken ihn wieder zusammen. Nach seiner Rückkehr macht ihn ein afrikanischer Journalist darauf aufmerksam, daß die Blutkonserven, die sein Leben gerettet haben, von Schwarzen gespendet wurden. Man droht mit der Veröffentlichung dieser Tatsache. Allein diese Drohung treibt den Richter in einen Nervenzusammenbruch.

Die meisten Stimmen bekam Kalu Opki für seine Erzählung "Der Preisringer". Er gehört dem Jahrgang 1947 an und ist als Producer im nigerianischen Fernsehen tätig. In Nigeria hat er bereits mit seinem "Biafra Testament", einem Versuch, den Bürgerkrieg Ende der 60er Jahre literarisch zu bewältigen, Aufsehen erregt. Die Geschichte, die er jetzt vorgelegt hat, spielt in Ostnigeria im Jahre 1919.

Ein erwachsener Sohn sieht seinem Vater zu, der am Feuer sitzt und eine der wenigen Yams röstet, die von der letzten Ernte noch vorrätig sind. Der Vater erzählt aus seinem Leben: Von dem Ringkampf, mit dem er das schöne Mädchen eines benachbarten Stammes errungen hat. Fast wäre er unterlegen. Aber die Tränen, die er in diesem Augenblick in den Augen der Schönen sah, gaben ihm unglaubliche Kräfte. Er siegt. Sie wird seine Frau und die Mutter des Sohnes, dem er die Geschichte erzählt. Anderntags spricht der Sohn seine Mutter auf den Bericht des Vaters an. Ihre Tränen, stellt sich heraus, haben dem anderen gegolten, dem, der verloren hat.

Elmahdi El Tayeb ist Sudanese (Jahrgang 1942). Er unterrichtet am Institut für Musik und Drama in Karthoum. Sein Hörspiel, das ebenfalls einen ersten Preis bekam, schildert Schwierigkeiten der Verständigung. Ein Schriftsteller, Same, der dem Widerstand seines Landes angehört, will in seine Heimat zurückkehren – zum Entsetzen seiner politischen Gegner. Francine, seine Geliebte, will ihn begleiten. Afrika ist für sie das große Abenteuer. Same wird das Opfer eines Attentats. Auch die Liebe kann die Distanz nicht überwinden, die durch die verschiedene Herkunft zweier Menschen entsteht.