Von Heinz Josef Herbort

Früher, sagt er – nachdem er bereits viel Zeit darauf verwendet hat, Instrumente und Zubehör und Notenpulte samt handgeschriebener Stimmen in die richtige Formation zu bringen, wagt er es auch noch, auf einem wissenschaftlichen Kongreß die für gewöhnlich nur in gewichtigem Ernst erscheinenden Zuhörer zum Schmunzeln zu verführen – "früher war das noch komplizierter: Da mußte man auch noch erst das Pferd anbinden". Denn, so zitiert er das Hofbuch von 1591, der Kurfürstliche Hof zu Dresden beschäftigte schon damals "drei reitende und sieben gehende Trompeter" nebst dem dazugehörigen Pauker. Ludwig Güttler wäre unter ihnen zweifellos der Oberhoftrompeter gewesen.

Daß er den tief seriösen internationalen Heinrich-Schütz-Jubiläums- und Gedenk-Kongreß im Dresdner Rathaus auf seine unkonventionelle Weise beleben und belustigen durfte, hängt mit einem Fund zusammen: Vor zwei Jahren entdeckte Ludwig Güttler auf einem Dachboden unter zahlreichem Gerümpel einen Satz von silbernen Trompeten, die sich alsbald als für die Zunft der Dresdner Hoftrompeter gefertigte Instrumente herausstellten – Baujahr etwa 1750 und wenig später, aber in der Bauart vermutlich jenen Instrumenten ähnlich, die schon vor der Schütz-Zeit in Dresden nachgewiesen sind: 1588 gastierten bei den Feierlichkeiten zur Krönung Christians IV. in Kopenhagen auch Trompeter aus Dresden mit "zum Teil kostbaren silbernen Instrumenten".

Daß die sächsischen Kurfürsten sich die dem Regenten-Stand schon seit Tut-Ench-Ammon und Ramses adäquaten Verherrlichungs-Instrumente aus reinem Silber fertigen lassen konnten, hat gewiß damit zu tun, daß ihre Untertanen damals das Edelmetall tonnenweise aus den Freiberger Gruben schürften. Daß Silber einen besonders hellen und weichen Klang erzeugt, ist an Glocken wie menschlichen Stimmen sprichwörtlich geworden, und dem Dresdner Orgelbauer Gottfried Silbermann bestätigt Johann Sebastian Bach, er heiße mit Recht so, denn "seine Orgeln haben Silberton und donnernde Bässe; mach er nur fort". So klingen auch die wiedergefundenen und jetzt nach beträchtlichen Restaurierungen wieder spielbaren Instrumente zwar fanfarenartig, aber doch nicht hart, markant, aber doch nicht penetrant, vor allem in den unteren Registern außerordentlich geschmeidig.

Es sind "noch" "Naturtrompeten", Instrumente ohne Ventile also, denn die wurden erst um 1820 "erfunden". Trompeten mithin, auf denen der Musiker nur die sogenannte Naturtonreihe blasen kann. Die bietet ganz unten lediglich die beiden Töne einer Oktave, hier Es-es, darüber eine Quinte und die nächste Oktave (b, es’). Es folgen Terz, Quinte und Oktave (g’, b’, es"), und erst in der obersten "Etage" können die diatonischen Tonabstände einer "Tonleiter" erzeugt werden ("Clarinblasen") – wenn man kann. Denn diese kleinen Tonabstände allein durch Lippenspannung und Zungenstöße, Atemkraft und Konzentration zu regulieren, erfordert allerhöchstes Können. Daß es möglich ist, auch den 16. Naturton zu erreichen, daß selbst Triller zwischen dem 9. und 10., ja zwischen dem 10. und 11. Oberton (g" / as") flüssig und ohne Ansatzfehler ansprechen: Güttlers erste offizielle öffentliche Demonstration vor den Kongreßteilnehmern offenbarte, daß beim Clarinblasen ästhetische mit sportiven Kategorien zusammenfallen, daß das zirzensische Können möglicherweise für einige Takte den Kunstanspruch beiseite schiebt.

Kleine Medaillons am Stürzen-Rand verraten, daß ein C. G. Eschenbach und ein F. R. (?) Riedel die Instrumenten-Hauptkörper lieferten, den Hofakten ist zu entnehmen, daß sie 100 Thaler das Stück kosteten. Der Dresdner Gold- und Silberschmied C. B. Ingermann schließlich gravierte Wappen und kunstvoll geformte Initialen des Augustus III. Rex (von Polen, in Sachsen als Friedrich August II. Kurfürst) ein und versah die Corpora mit zusätzlichem Zierrat – mit gewendelten Zwingen (dort, wo das gerade Rohr in die Krümmungen mündet) und einem Halteknauf, mit Rocaillen, stilisiertem Laub und behelmten Köpfen römischer Krieger. 1889 schließlich, zur 1000-Jahr-Feier des Hauses Wettin, wurden die Accessoires an fünf Trompeten vergoldet. Meisterwerke des Kunsthandwerks also auch.

Was aber haben diese Instrumente aus der Mitte des 18. Jahrhunderts auf einem Heinrich-Schütz-Kongreß verloren? Natürlich wollte es der Zufall, daß sie gerade so rechtzeitig fertig wurden, daß sie vor diesem, einem internationalen Gremium, präsentiert werden konnten – das Weltmusikfest in Berlin wäre ebenso denkbar gewesen, aber hier kam die Gunst des rechten Ortes hinzu. Aber über diese Äußerlichkeiten hinaus ergeben sich doch auch und gerade im Hinblick auf die Kompositionen von Heinrich Schütz hochinteressante neue Aspekte.