Horten-Chef Hebbering wechselt zum größten europäischen Warenhauskonzern

Daß der Vorstand der Essener Karstadt AG mit sieben Herren personell unterbesetzt sei, das kann man gewiß nicht sagen. Doch zu Beginn des kommenden Jahres soll das hochbezahlte Geschäftsführungsgremium des größten Warenhauskonzerns Europas um einen weiteren Mann verstärkt werden – "im Rahmen der strategischen Neuausrichtung", wie es hölzern und dürr in einer Firmenmitteilung heißt.

Der achte Mann freilich, der künftig "das Ressort Einkauf Textil sowie weitere Waren- und verkaufsbezogene Aufgaben übernehmen" soll, kommt von der Konkurrenz: Bernd Hebbering, seit 1973 im Vorstand der Düsseldorfer Horten AG und seit 1977 deren Chef. Der jetzt 46jährige passionierte Handelsmann sanierte das mit Abstand kleinste der vier heimischen Warenhausunternehmen: durch die Schließung von 16 unrentablen Häusern, die rigorose Straffung der Sortimente, eine mehr an der Ware ausgerichtete Firmenorganisation, durch geschickte Anpassung seiner Häuser an neue Käuferschichten und an die sich ändernden Kundenwünsche sowie durch die Hereinnahme attraktiver Untermieter. Als sein größter Coup gilt dabei die Vermietung der Lebensmittelabteilungen an die Hamburger Genossenschaft Edeka im Jahre 1980. Statt alljährlich dicker Verluste kann der Hortenchef seither sichere Mieteinnahmen verbuchen.

Und auch sein jüngster Schlag, die Neueröffnung des traditionsreichen Düsseldorfer Carschhauses, einem ehemaligen Textilhaus aus dem Jahre 1915, ließ die Handelsbranche aufhorchen. In seiner 58. Filiale konzentrierte Hebbering das Sortiment vor allem auf hochwertige Textilien, edle Lederwaren und teure Haushalts- und Geschenkartikel. Vor allem aber die Idee einer "Delikatessa" – die Ansammlung erlesener Delikatessen-Fachgeschäfte als Untermieter im Basement des Hauses, wo sich üblicherweise die hauseigenen Lebensmittelabteilungen befinden – entpuppte sich als großer Erfolg. An den Probierständen drängt sich die Schickeria der Stadt.

Daß vor allem die Großaktionäre des nach Umsatz mehr als dreimal so großen Karstadt-Konzerns, die Deutsche Bank und die Commerzbank, auf den zielstrebigen und karrierebewußten Hebbering aufmerksam wurden, lag da nahe. Denn beim Branchenprimus lief es in den letzten Jahren nicht so gut. Auf die veränderten Käuferverhalten und die nur noch stagnierenden Einkommen der privaten Haushalte reagierte das Großunternehmen nur schwerfällig. Über 160 Warenhäuser zu durchforsten und jeweils auf den neuesten Stand zu bringen, vor allem aber neue Ideen aufzugreifen und sie auch sichtbar zu machen, wurde durch allzu ausgeprägtes Beharrungsvermögen in dem traditionsreichen Unternehmen oft gebremst. Größe kann eben auch eine Last sein.

Aber so richtig in die Negativschlagzeilen gerieten die Essener erst, seit sie Ende 1976 den maroden Versender Neckermann sowie dessen florierende Reisetochter NUR übernahmen. Mit beiden ist Karstadt bis heute nicht zu Rande gekommen. Seither gingen fast eine halbe Milliarde Mark verloren. Hektische Konzeptions- und Managementwechsel änderten nichts an dem verlustreichen Engagement: Trotz immer neuer "Wende"-Versprechungen durch den Karstadt-Vorstand blieb der Erfolg aus.

Der Jahresüberschuß des Karstadt-Konzerns sackte 1984 um 66,5 Millionen auf 24 Millionen Mark. Vor zehn Jahren standen – noch ohne Neckermann – stolze 144 Millionen zu Buche. Mehr als der Gewinnrückgang mag die erfolgsgewohnten Bankmanager und Karstadteigner freilich die anhaltend schlechten Kritiken über ihr Beteiligungsunternehmen, einst immerhin eine Perle im Portefeuille, geärgert haben.