Von Uwe Knüpfer

In Mülheim, an einem Seitenarm der durch sattes Grün dahinfließenden Ruhr, steht eine Villa, die eine Wandlung vollzogen hat, wie sie ähnlich für ganz Nordrhein-Westfalen von der sozialdemokratischen Landesregierung geplant ist. Die Villa Jula Thyssen, benannt nach ihrer einstigen Bewohnerin, war bis vor nicht allzu langer Zeit ein großbürgerliches Wohnhaus, ein neo-feudaler Stadtpalast, wie ihn die Stahlmagnaten von der Ruhr früher in die landschaftlich schönsten Teile der Industrieregion zwischen Duisburg und Dortmund zu setzen beliebten: düster und großartig, repräsentativ und unwohnlich.

Seit gut einem Jahr hat die Villa eine neue Mieterin. Zenit residiert hier, das im Juli 1984 gegründete "Zentrum in Nordrhein-Westfalen für Innovation und Technik". Die Fassade des Hauses – als einziges Architekturteil dem menschlichen Maß verpflichtet – ist geblieben, wie sie war. Doch gleich hinter der schweren Eingangstür beginnt jetzt eine neue Welt. Alles ist hell, an den einst überhoch wirkenden Wänden hängen großformatig-bunte Ölbilder der Marke Junge Wilde, die alten, üppigen Kristallüster beleuchten nun Möbelstücke der klassischen Moderne. Schlanke, junge, schnieke Menschen beleben das Ambiente. Auf inren Schreibtischen: High-Tech fürs Büro vom Feinsten.

Zenit, diese in der Bundesrepublik vorbildlose Stabsstelle Technik des Landes NRW, ist ein gemeinsames Kind von Politik und heimischer Wirtschaft, geboren unter zögerlichen Hebammendiensten der Kreditwirtschaft. Es ist eine GmbH mit Zweimillionenetat, zu je einem Drittel in den Händen des Landes, der Westdeutschen Landesbank und eines Trägervereins Zenit e. V., dem zur Zeit rund fünfzig Unternehmen angehören. Ein gutes Dutzend diplomierter Physiker, Ingenieure und Ökonomen arbeitet hier, äußerlich durchweg dem Klischeebild vom jung-dynamischen Unternehmer entsprechend: lockere Haltung in feinem Tuch. NRW-Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen zeigte sich bei der Einweihung von Zenit von der Lektüre der Lebensläufe seiner neuen Stabsmitarbeiter dermaßen begeistert, daß er fast ins Schwärmen geriet und versprach, hierher wolle er künftig kommen, wenn er mal geistig auftanken müsse.

Daß die Regierung Rau Teile der Wirtschaft davon überzeugen konnte, öffentlichkeitswirksam mit ihr an einem Strang zu ziehen, verdankt sie ausgerechnet einem engagierten Trommler für die Freien Demokraten: Peter Dietz, ein ideenreicher Bilderbuch-Mittelständler aus Mülheim, ist Zenits geistiger Vater. Er hat so lange an die Türen der Industrie geklopft, bis sich kaum jemand mehr traute, nicht wenigstens guten Willen zur Teilnahme an dieser "großen gemeinsamen Anstrengung" zu zeigen.

Die Aufgabe von Zenit ist, alles zu tun, damit das lästige Gerede vom bundesdeutschen Süd-Nord-Gefälle endlich verstummt. Die Ideenschmiede soll klarmachen, daß NRW alles andere ist als jener Schrotthaufen, von dem Norbert Blüm zu Wahlkampfzeiten so despektierlich gesprochen hat. Zenit-Geschäftsführer Dirk Beckerhoff ist jedenfalls davon überzeugt, daß gerade das Ruhrgebiet "technologisch gewaltig unterschätzt" wird. Er erklärt das mit dem hohen Standard an Präzision, Zuverlässigkeit und Wartungsfreundlichkeit der hier ansässigen mittelständischen Zulieferer für Bergbau und Stahlindustrie. Einen solchen Standard seien ähnlich strukturierte Betriebe in Baden-Württemberg, wo traditionell viele Zulieferer der Automobilindustrie zu Hause sind, schlichtweg nie zu halten gezwungen gewesen.

Bevor er sich von Dietz und Jochimsen anheuern ließ, hat Beckerhoff unter anderem für das Battelle-Forschungsinstitut, für die Unternehmensberatung McKinsey und für die Bundesregierung gearbeitet. Außerdem machte er sich auch als Sanierer eines maroden Maschinenbauunternehmens einen Namen. Als erstes organisierte er die Zenit-Wanderausstellung. Die sollte Mittelständlern, die mit Sensoren etwa für Temperaturen oder Drücke zu schaffen haben, zeigen, was es an neuen Entwicklungen gibt. Beckerhoff wußte: Im Frühsommer hatte die bayerische Landesregierung einen Bus über die Dörfer geschickt voller Elektroniksensoren made in Bavaria. Diesen Bus wollte er chartern, auf daß er sein aufklärerisches Werk auch an Rhein und Ruhr verrichte. Doch, so Beckerhoffs Erzählung, die Kollegen aus dem Süden zeigten sich maßlos an ihren Honorarforderungen. Dann erst habe er nachgeforscht, ob nicht auch in NRW Produzenten fortgeschrittener Technik in diesem Bereich ansässig seien. Nun besteht die Zenit-Wanderausstellung ausschließlich aus Produkten des eigenen Landes; gleich dreißig Firmen zeigen, was sie können.