Bilanz des Besuches: Ein Silberstreif über dem Land der langen Schatten

Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im Oktober

Es war des Lobes fast schon zuviel: Der Besuch des ersten Bundespräsidenten in Israel sei ein "beispielloses Ereignis" – so Schimon Peres, der Ministerpräsident. "Wir träumen, daß die Nationen des Nahen Ostens von Ihrer Erfahrung inspiriert werden" – so Chaim Herzog, der Staatspräsident. "Ein Meilenstein von besonderer historischer Bedeutung" – so der israelische Botschafter in Bonn, Ben Ari. "Er ist das Gewissen Deutschlands", schrieb die führende Zeitung Haarez. Und selbst der eher zurückhaltende Davor, das der mitregierenden Arbeitspartei nahestehende Gewerkschaftsblatt, bescheinigte dem Deutschen: Bei ihm gebe es nicht jene "Doppelzüngigkeit" wie bei anderen Bonner Politikern. Geraten werden durfte, wer damit gemeint war. Und es brauchte, in Erinnerung etwa an den nicht gerade rühmlichen Auftritt des Bundeskanzlers Kohl letztes Jahr in Israel, nicht sehr lange geraten werden.

So war es zwangsläufig für Richard von Weizsäcker des Lobes bist schon zuviel, weil seine Reise und seine Reden mit denen anderer verglichen wurden, weil die Schar der Freunde Israels in der Staatenwelt bedrohlich kleiner geworden ist und weil die Israelis unmittelbar vor und während dieses seit langem fälligen Staatsbesuches durch neue Schreckensmeldungen geradezu wie gelähmt schienen: Morde an Spaziergängern, begangen von palästinensischen Terroristen; Massaker an Touristen im Sinai, verübt von einem ägyptischen Gendarmen; versuchter Anschlag im Hafen von Aschdot, geplant von einem palästinensischen Kamikazekommando, das sich zu diesem Zweck des italienischen Luxuskreuzfahrtschiffes Achille Laura bemächtigt hatte. Das war Israels Alltag, ab – für eine kurze Atempause gleichsam – mit dem deutschen Staatsgast der Sonntag ins Land kam, wie bestellt, um für ein paar Augenblicke wenigstens das alles zu vergessen, zumindest zu verdrängen: den Tod, die Gefahr, die schiere Aussichtslosigkeit, auch die nackte Angst vor dem nächsten Anschlag, der neuen Hiobspost.

Sonntag in Israel: Richard von Weizsäcker brauchte erst gar nicht den Mund aufzumachen – jeder erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen, an seine Ansprache zum 8. Mai vor dem Bundestag, die in der Wochenendausgabe der englischsprachigen Jerusalem Post wörtlich unter dem knappen deutschen Titel "Die Rede" abgedruckt wurde. Sie wirkte nach wie ein Signal, erhielt von Chaim Herzog die Fußnote: "Eines der eindrucksvollsten Dokumente unseres Zeitalters." Der Präsident brauchte nur spontan mitzuhelfen, ab die Berlinerin Anni Herzog in der "Allee der Gerechten der Völker der Welt" zu ihrer Ehre (sie hatte Juden vor den braunen Häschern versteckt) einen Baum pflanzte – und es wurde sogleich gemeldet. Er brauchte nur in das Gästebuch der Erinnerungshalle Jad Vaschem, wo er ohne störende Begleitung des Massenmordes von sechs Millionen Juden gedachte, das Bibelwort einzutragen: "Wer Euch antastet, der tastet Seinen (Gottes) Augapfel an" – es wurde dankbar vermerkt. Weizsäcker mußte, ob jungen Fragestellern oder Kabinettsmitgliedern gegenüber, nur versichern, die Geschichte der Deutschen wäre zu Ende, wenn sie versuchen sollten, die Jahre des Schreckens aus ihrem Bewußtsein zu tilgen – es wurde ihm geglaubt, ohne den leisesten Zweifel.

Welcher Bonner von Rang, der in Hitlers Krieg wegen seiner Verstrickungen nicht ohne Beschädigung geblieben ist, hat es an diesem Ort bisher auch über sich gebracht, in aller Öffentlichkeit und Offenheit zuzugeben: "Ich bin in jener Zeit den Konflikten nicht ausgewichen. Dennoch weiß ich nicht, ob ich vor dem Jüngsten Gericht bestehen kann." Die Gabe zu überzeugender Wahrheit, unprätentiöser Aufrichtigkeit und ungekünstelter Ehrlichkeit erreichte durch Richard von Weizsäcker mehr Zustimmung, auch Verständnis bei den Betroffenen, ab jenes leichtfertige Ausrede-Wort von der "Gnade der späten Geburt", mit der Helmut Kohl damals seine "Schuldlosigkeit" beweisen wollte und unter den Israelis doch nur böses Blut gemacht hatte. Der Jahrgang allein kann es nicht gewesen sein.