Steven Spielberg und James Dean. Kino via Fernsehen, Kabel und Kassetten – In Amerika bahnt sich eine Revolutionierung der Filmkultur an.

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In Amerika begann die Film-Herbstsaison diesmal auf eine weise, die in späteren Jahren vielleicht als historisches Datum in die Filmgeschichte eingehen wird – das am meisten Aufsehen erregende Ereignis fand nämlich nicht im Kino statt, sondern im Fernsehen.

Das Novum ist ein medientaktisches Experiment, bei dessen Urheber es sich um Hollywoods erfolgreichsten Jungregisseur Steven Spielberg handelt, der neuerdings auch zunehmend als Produzent tätig ist. Im nächsten Jahr wird ein neuer Spielberg-Film in die Kinos kommen, der den Titel "Amazing Stories" trägt, ein Episodenfilm, der aus mehreren halbstündigen phantastischen Geschichten besteht, die mehr oder weniger an Jules Verne, H. G. Wells und Ray Bradbury erinnern. Aber daß dieser Film in den Kinos zu sehen sein wird, ist fast nur Nebensache, denn produziert wurde er von Spielberg hauptsächlich mit dem Augenmerk auf das Fernsehen und den Videomarkt.

Spielberg hat erkannt – und er steht mit dieser Einsicht nicht allein da –, daß ohne Einbeziehung des Fernsehens und der neuen Videokultur das Kino in Zukunft fast nicht mehr möglich sein wird. In diesem Monat ging nun also die erste Episode von Spielbergs "Amazing Stories" über Amerikas Bildschirme, die erfolgreichsten Teile werden dann später zu einem Kinofilm gebündelt und die gesamte Serie soll schließlich als Video-Edition erhältlich sein.

Die erste Folge hieß Ghost Train und erzählte die rührende, komische und unheimliche Geschichte von einem einsamen Jungen und seinem skurrilen Großvater, in deren banalen amerikanischen Alltag das Übersinnliche in Gestalt eines Eisenbahnzugs aus längst vergangenen Zeiten einbricht. Das Ganze funktioniert nach dem aus Spielbergs "Unheimlicher Begegnung der dritten Art" und "E. T." bekannten Muster. In einer durch Standardisierung und festgelegtes Rollenverhalten ereignis- und geheimnislos gewordenen modernen Welt muß etwas Höheres, Unerklärliches, Magisches von zugleich bedrohlicher und verzaubernder Qualität passieren. Der Großvater und der Junge werden in Spielbergs Film in ein Mittelstanaseigenheim verpflanzt, in dem sie sich wie Gefangene vorkommen müssen, isoliert von einer Welt, die sie sich beide zu gern als abenteuerlich vorstellen.

Das schönste Bild ist, wie der Junge nachts dem auf das Haus zu donnernden alten Geisterzug entgegenblickt, als käme der Messias. Und wenn der Zug dann in das elterliche Haus rast, wirkt die Zerstörung wie ein Happy-End. In ihren Pyjamas stehen die Eltern ratlos zwischen den Trümmern, sie verstehen nicht, aber das Kind und der Alte, die beiden Träumer, sind glücklich. Was ist ein Fertigbau-Eigenheim schon wert, wenn auf dessen Kosten etwas Phantastisches wahr wird?