Von Günter Haaf

Wir können Aids nicht länger ignorieren. Jedem muß klarwerden, das die tödliche "erworbene Immunschwäche", wie die Krankheit auf deutsch heißt, keine Sache der anderen mehr ist. Aids läßt sich weder ab "Schwulenpest" noch als Seuche sonstiger geographisch oder gesellschaftlich ferner Subkulturen abtun. Aids kann jeden treffen.

Eindeutige Fakten belegen, daß Aids weltweit epidemische Ausmaße annimmt. Betroffene sind Männer, Frauen und Kinder in Industrie- und Entwicklungsländern. Die Zahl der infizierten, aber noch nicht erkrankten Menschen geht jetzt schon in die Hunderttausende. Eine vorbeugende Impfung ist auf Jahre hinaus nicht in Sicht, und eine Heilung des voll ausgeprägten Syndroms gelang bislang noch nie.

Schlimmer noch: Aids ist eine sexuell übertragbare Krankheit. Schon wird uns geschlechtliche Treue als einziges Heilmittel empfohlen. Das ist, medizinisch gesehen, richtig. Doch könnte die Forderung nach Enthaltsamkeit nicht auch dem dumpfen Konservativismus eine Schneise durch die mühsam errungenen politischen und gesellschaftlichen Freiheiten der westlichen Demokratien schlagen? Unter dem Vorwand, die Libertinage bekämpfen zu wollen, läßt sich leicht der Liberalität der Kampf ansagen. "Der Schatten dieser Krankheit hat begonnen", meinte der Harvard-Professor und Aids-Experte William Haseltine in Bonn, "unser aller Leben zu verdüstern."

Noch ist das ganze Ausmaß des auf uns zurollenden Desasters hinter Schlagzeilen verborgen, die eher vom Ernst des Problems ablenken. Aber die Zeichen stehen schon an der Wand.

Mediziner haben herausgefunden, daß der Aids-Erreger just die Kommandozentrale des körpereigenen Abwehrsystems lahmlegt. Ein infizierter Mensch ist damit hilflos anderen Krankheitserregern, auch Krebsgeschwülsten, ausgeliefert. Weil die Erreger oft viele Jahre im Körper ruhen, kommen Impfungen – gäbe es sie denn – für alle schon Infizierten zu spät. Derzeit verdoppelt sich die Zahl der Krankneits- und Todesfälle mit grausamer Präzision alle acht Monate. Geht es so weiter, muß in zehn Jahren weltweit mit vielen Millionen, in der Bundesrepublik mit Hunderttausenden von Aids-Opfern gerechnet werden.

Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Krankheit sind kaum zu übersehen: Am einfachsten lassen sich noch die immensen Kosten für die Betreuung der Aids-Kranken abschätzen. Aids-Opfer werden aber nicht nur wirtschaftlich zu Aussätzigen. Schon häufen sich die Fälle gesellschaftlichen Ächtung: Eltern wollen ihre Kinder nicht in Klassen mit Aids-kranken Schulkameraden schicken, Vermieter verweigern Aids-Opfern die Wohnung, Arbeitgeber den Arbeitsplatz.