Kohl und Genscher, haben wir kürzlich gelernt, wollen jetzt wenigstens eine Zeitlang im Schulterschluß marschieren, nachdem sie sich in Sachen Weltraumraketen-Abwehrsystem (SDI) klar auseinanderzubewegen schienen. Das soll nun alles intern geklärt, der Gipfel in New York abgewartet und allenfalls unter vier Augen zwischen Reagan und Kohl über die deutsche Position gesprochen werden. Man könne das Thema nicht auf dem öffentlichen Markt austragen, meint Kanzlerberater Horst Teltschik.

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Schulterschluß? Jeder redet öffentlich munter weiter. Helmut Kohl findet, die Diskussion brauche Zeit, läßt aber sein prinzipielles "Ja" zu SDI durchschimmern, Genscher findet, im Prinzip könnte man es all den Staaten nachmachen, die beschlossen haben, kein Rahmenabkommen über eine Beteiligung an dem amerikanischen Projekt zu schließen. Dregger findet, eine Beteiligung liege im nationalen Interesse; er jedenfalls ist dafür, Waigel findet, eine "eindeutige politische Bejahung" sei geboten. Und Strauß: Jeder Tag, der mit Wenn und Aber vergeudet werde, mindere die Möglichkeiten einer deutschen Beteiligung an SDI. Ob Kohl, wenn er demnächst für ein paar Augenblicke mit Ronald Reagan allein sprechen sollte, dem Präsidenten erklärt, was in Bonn "Schulterschluß" heißt?

Nachrichtenagenturen greifen die zahllosen Politikerinterviews vom Wochenende auf, interpretieren die Äußerungen dann möglichst kühn, um zu verdecken, daß alles beim alten geblieben ist, denn am Wochenende hat die Politik ja Pause, nur die Politik-Rhetorik nicht; und wenn die Agenturen Glück haben, spitzen Zeitungen die Scheinereignisse noch einmal in der Schlagzeile zu: "Kohl: Reagan denkt an Verzicht auf SDI. Bundeskanzler überrascht mit ‚neuen Zusicherungen‘ des Präsidenten". So war es in der Süddeutschen Zeitung nachzulesen, Entschuldigend muß man allerdings hinzufügen, daß der Kanzler sich in einem Wochenend-Interview auf eine Weise undeutlich ausgedrückt hat, die Kenner der Materie nur deshalb nicht verblüffte, weil das in Kohls Bonn ja nicht neu ist. Friedheim Ost mußte schleunigst "klarstellen".

Fast einen Aufstand hätte es in der Unionsfraktion gegeben, nachdem bekannt geworden war, auf welche Kompromißformulierungen für eine gemeinsame Entschließung sich die Deutschlandpolitiker der CDU/CSU mit der SPD geeinigt haben. In Alfred Dreggers Büro hagelte es Protestbriefe, auch einer von Rainer Barzel – auf der Suche nach neuen Bataillonen? – befand sich darunter. Besonderer Streitpunkt: Darf man – gemeinsam mit der SPD – formulieren, die deutsche Frage sei "ungelöst", oder muß es unbedingt heißen, sie sei "offen"?

Ähnlich fest wie solche alten Überzeugungen möchte ein Teil der Union auch Formeln vom Selbstbestimmungsrecht und der Freiheit für alle Deutschen verankert wissen. Dagegen soll möglichst nichts darauf hinweisen, daß der DDR volle Souveränität zugestanden werde. Unnachgiebig sträubt sich dieser Teil der Fraktion, der mal vor Kraft nicht laufen kann, mal über die Weltläufte und die eigene Schwäche verzweifelt, auch dagegen, daß Bundestagspräsident Jenninger den DDR-Volkskammerpräsidenten Sindermann – den zweiten Mann seines Staates – angemessen in seinem Amtszimmer empfängt, Offizielle Kontakte zur Volkskammer, erklärt Rudolf Seiters für die Unionsfraktion, seien "nicht aktuell.

Kurz, mit der DDR als Staat, ihrer Anerkennung, den Beziehungen zu Ost-Berlin und einem möglichen Honecker-Besuch kommt die Union nicht zurecht, weniger denn je. Der Streit ist von der Tagesordnung abgesetzt worden, schwelt aber hinter den Türen weiter. Im Regierungsdeutsch wird das wieder heißen: Schulterschluß.

Gunter Hofmann