Von Ulrich Greiner

In der Koje seines Verlages, Halle 5, Frankfurter Buchmesse, erzählte der Cheflektor, daß ihn, als er Anstalten gemacht habe, abzureisen und sich von seiner Familie zu verabschieden, die vierjährige Tochter Rebekka gefragt habe, wohin er schon wieder fahre. Er sagte: "Nach Frankfurt auf die Buchmesse", worauf Rebekka wissen wollte, was das sei, und er antwortete: "Weißt du, das ist ein großes Haus, dahin kommen viele Leute aus der ganzen Welt und zeigen sich ihre Bücher." Rebekka fragte: "Haben sie denn alle dasselbe Buch?" Der Vater entgegnete erstaunt: "Wie kommst du darauf?" Da antwortete Rebekka: "Dann könnten alle das Buch lesen."

Liebe Rebekka, wenn es doch so wäre! Statt dessen zeigte die Frankfurter Messe 320 000 verschiedene Bücher. Aneinandergereiht ergäben sie eine Strecke von Atlantis bis zum Schlaraffenland, und die Zahl ihrer Wörter entspricht der Zahl der Tropfen im Toten Meer.

Nein, das eine und einzige Buch, nach dem alle suchen, war auch diesmal nicht dabei. Hätten wir es, dann könnten wir uns alle im Kreis zusammensetzen, und eine Dame im schwarzen Rock und blaßroter Bluse läse uns daraus vor, wie sie es ja wirklich tat, aber um sie herum saßen nur Kinder und hörten still und andächtig zu. Das war in der "Lesehöhle", in dem kleinsten jener vier Zelte, die das "Zentrum Leseförderung" bildeten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte es eingerichtet.

Was sind die Bücher ohne ihre Leser? Ein totes Meer. Wie macht man ein lebendiges daraus? Überraschend viele Vereine mit schön und kurios klingenden Namen gibt es, die sich gemeinnützig darum kümmern, zum Beispiel die "Europäische Märchengesellschaft", die "Berliner Kinderbuchwerkstatt", die "Deutsche Lesegesellschaft" oder der "Arbeitskreis Jugendliteratur". Die bunten Zelte standen inmitten der weißgelackten Modernität der Messehallen wie das Quartier einer Karawane, und die Kinder liefen darin fröhlich herum oder saßen in den Ecken und lasen.

Da hättest du dich, liebe Rebekka, wohlgefühlt. Wir Erwachsenen aber, wir rannten mit immer blinder werdenden Augen durch die kilometerlangen Gänge, vorbei an Tausenden von Kojen, sahen bekannte Gesichter, begrüßten uns enthusiastisch und schrien: "Schön, daß wir uns endlich mal wieder sehen, sollten miteinander reden, jetzt keine Zeit, morgen unbedingt, sind ja noch länger auf der Messe..." Am zweiten Tage aber stolperten wir nur noch müde nickend aneinander vorbei, und abends standen wir dann mit schmerzendem Rücken auf einem der vielen Empfänge, man redete noch mit dem einen, während man schon den anderen aus der Nachbargruppe, an den dringend ein Wort zu richten war, im Auge hatte, und es war wie in einem Film, wo man die letzte Einstellung der einen Szene sieht, aber den Ton der folgenden Szene schon hört.

Alles verwirrte sich, und Herr A. stellte Frau B. den Herrn C. vor, die sich aber schon viele Jahre kannten, während Herr D. von Frau E. freundlich begrüßt wurde und er verzweifelt überlegte, wohin er die Dame stecken sollte, die ihn schon viele Jahre zu kennen schien und die ihm vorschlug, einen Aufsatz über den Schriftsteller X. zu schreiben, den ihr Verlag (um Gottes willen, welcher Verlag?) groß herausbringen wolle, und D. kam sich vor wie der Reiter auf dem Bodensee. Gleich würde sich peinlich herausstellen, daß er überhaupt nicht wußte, während er redete und redete, wovon die Rede war.