Von Hansjakob Stehle

Von den verschiedenen Arten, die Welt zu bereisen, ohne viel von ihr zu sehen oder sie gar kennenzulernen, ist die des römischen Pilgerpapstes gewiß die anstrengendste. Doch auch die menschenfreundlichste: Millionen sehen ihn, glauben seine Bekanntschaft zu machen, erleben ihn als Vater, Bruder, Freund, ja selbst als Ärgernis vermittelt er seinen Kritikern noch das freudige Gefühl, es besser zu wissen. Und außerdem gibt es vielerlei Schlaglöcher auf seinen Reisewegen, die nicht nur unter Blumen verborgen, sondern vorher wirklich ausgebessert werden – Tourismus also, auch päpstlicher, als eine Art von Entwicklungshilfe ...

Aber Papstreisen dienen auch der Fremdenverkehrswerbung – von Alaska bis Kenia, vom Amazonas bis zur blauen Donau. Die Luftfahrtgesellschaften zumal wissen die Chance zu nutzen, daß Johannes Paul II. seine Mission im Flug betreibt und daß er in den "Jet-set", der ihn begleitet, außer dem vatikanischen Gefolge stets 60 bis 70 Journalisten aufnimmt. Nicht nur, um sich selbst das entsprechende Medienecho zu sichern, auch um Reisekosten zu sparen. Wir schreibenden Reisebegleiter sind "zahlende Gäste", deren Arbeitgeber nicht etwa ein verbilligtes Gruppenflugticket, sondern den vollen Flugpreis zu bezahlen haben (für die letzten 25 000 Kilometer der Afrikareise 10 300 Mark). Dafür dürfen wir im hinteren Drittel der DC-10 Platz nehmen – meist sogar bequem auf zwei Sitzen, falls nicht die "Alitalia" den übrigen Raum für sich selbst braucht, für ihre Proviantkisten und ihr überreichliches Personal – aus Gründen der Sicherheit, der Eitelkeit und natürlich auch des Komforts.

Da gibt es zusätzliche Bordtechniker (für alle Fälle) und Direktoren zum (Papst-)Händeschütteln, Betriebspolizisten (von denen uns einer auch auf dem 28. Ausflug mit unserem eiligen Vater noch immer mustert wie verdächtige Attentäter) und nicht zuletzt – Köche. Sie fabrizieren an den Zielorten selbst unter exotischsten Verhältnissen neben den unentbehrlichen Spaghettigerichten jene Genüsse, die halten, was das auf Büttenpapier gedruckte Menü verspricht – etwa Krebse "in Bella Vista" oder Kalbslendchen "al vino bianco", dazu edle Tropfen aus einem Gut namens "San Pietro". Sie gehen auch nicht zur Neige beim Flug über die dürre Sahelzone.

Flüchtig wie die fernen Wolkenfetzen unter uns huschen durchs Unterbewußtsein der Passagiere puritanische Skrupel – oder sind es Geschmacksfragen? Ob ihnen auch der Appetit Seiner Heiligkeit stets standhält, weiß außer Monsignore Dziwisz, seinem Sekretär, und Signor Angelo Gugel, seinem diskreten Kammerdiener, kaum jemand – auch nicht die Bischöfe, Prälaten und Vatikanbeamten, die hinter dem Papstabteil "Erste Klasse" fliegen dürfen. Später, zwischen Abidjan und Yaounde, servieren die "Kamerun-Airlines" ein deftiges ungarisches Gulasch und einheimischen Kaffee zur Kokostorte. Nicht jeder kann ja so delikate Einfälle haben wie die "TWA", die 1979 gleich drei amerikanische Trappistenklöster mobilisierte, um sich von ihnen für den Papstflug durch die USA außer dem besagten Käse auch Marmelade und "Candies from St. Mary’s Abbey" liefern zu lassen. Natürlich gab es auch polnischen Wodka und nicht – welch Mißgriff! – sowjetischen wie jüngst bei der "Alitalia".

Der Papst meidet allerdings scharfe Erfrischungen, seit ihm die Nachwehen des Attentats – die ihm jedoch nicht mehr anzumerken sind – eine gewisse Diät auferlegen. Dr. Renato Buzzonetti, der Leibarzt, wacht darüber; mit seinem Köfferchen voll Instrumenten und Pillen folgt der alte Herr im schwarzen Anzug seinem weißen Schützling auf Schritt und Tritt. Als Direktor des Sanitätsdienstes des Vatikanstaates gibt er vor fast jeder Reise lange Merkblätter mit "Vorschriften und Ratschlägen" aus, an die sich alle – vom Papst bis zum Photoreporter – zu halten haben; da wurde vor der letzten Afrikareise nicht nur an Gelbfieber-, Cholera- und Typhus-Impfungen, Malaria- und Hepatitis-Vorbeugung erinnert, auch daran, Sonnenschutzcreme und Kopfbedeckung nicht zu vergessen, unbedingt etwa drei Liter sterilisierte Flüssigkeit täglich zu trinken, Rohkost zu meiden, Unterkünfte und Badewasser zu desinfizieren. Auch dem Papst und seinen geistlichen Begleitern wurde zur "rigorosen Beachtung" nahegelegt, unter den Talaren lange Hosen und Kniestrümpfe zu tragen, um Insektenstichen zu entgehen.

Ein Reisender wie Johannes Paul II., der sich auch unter extremen klimatischen Verhältnissen nur kurze Ruhepausen gönnt, der seinen 15- bis 20stündigen "Arbeitstag" bei jedem Wetter überwiegend im Freien verbringt, der bei Messen und Massenbegegnungen Tausende ausgestreckte (nicht immer frisch gewaschene) Hände ergreift – er bedarf schon einer robusten Natur, um all das mit heiler Gesundheit zu überstehen. "Solange ich mich wohl fühle, mache ich so weiter", antwortete er einmal auf meine Frage, ob die Strapazen dieser Reisen – im Durchschnitt vier große jedes Jahr – nicht über seine Kräfte gehen. "Um zu leben, muß man reisen", scherzte er bei anderer Gelegenheit.