"Das Mädchen aus Paris", von Joan Aiken. Die Zeit, in der dieser Unterhaltungsroman spielt, ist die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Orte sind: Pethworth, ein kleines Nest in England, Brüssel und Paris. Die Hauptfigur ist eine junge Dame aus guter, aber nicht zu guter englischer Familie, die sich erst als Lehrerin in einem angesehenen belgischen Mädchenpensionat verdingt, dann – aufgrund von Intrigen, die sich erst viele Buchseiten später aufklären – bei einer ebenso reichen wie unkonventionellen Familie in Paris als Erzieherin. Dort (die Dame des Hauses, belesen und allein den intellektuellen Dingen zugetan, schläft nicht mehr mit ihrem Mann, verweigert also den männlichen Erben und hält sich statt dessen eine kluge Freundin) lernt das anständige Mädchen aus England die Aufregungen und Möglichkeiten des Lebens kennen: die Verwirrungen der Liebe und Leidenschaft ebenso wie den großen Geist und das geistvolle Geschwätz; sie trifft in den literarischen Salons ihrer Gnädigen auf berühmte Künstler wie Flaubert und George Sand, Baudelaire und Feydeau, lauscht ihren Streitereien und lernt dabei, neu über das Leben und ihre Rolle als Frau darin nachzudenken. Am Ende läßt die amerikanische Unterhaltungsautorin ihre Heldin dann – getreu den Gesetzen des Genres – doch noch die wahre Liebe finden, und die endet, allen früheren Zweifeln zum Trotz, brav in der Ehe. Ein Schmöker für düstere Sonntage. (Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl; Diogenes Verlag, Zürich, 1985; 425 S., 34,– DM.)

Manuela Reichart

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"Fanny Elßler – Tänzerin eines Jahrhunderts", von Liselotte Denk. In Jubeljahren vor allem laufen Denkmäler Gefahr, gestürzt zu werden. Im Falle der legendenumflorten Biedermeier-Ballerina Fanny Elßler (1810-1884) läßt die Journalistin Liselotte Denk im forschen, manchmal allzu schnittigen Plauderton hinter dem preziösen Gedenkbildchen der "Jahrhundert-Tänzerin" den Menschen wieder aufleben. Fanny Elßler? Eine "kleine Krämerseele", anpassungsfähig, profitsüchtig, im Alter frömmlerisch bis bigott. Und ihre Bedeutung als Tänzerin? Wird am Rande gestreift. Vertan leider auch die Chance, an der Kluft zwischen dem Frauenideal, das sie auf der Bühne verkörperte, und ihrer durchschnittlichen Kleinbürgerexistenz den Widerspruch einer Epoche abzulesen. Lieber ergeht sich die Biographin noch einmal in müßigen Mutmaßungen über die Väter der beiden (unehelichen) Elßler-Kinder – stets auf du und du mit ihren Figuren, denen sie zur Not ("Mein Gott Gentz!") schulmeisternd in die Parade fährt. Im nachempfundenen wienernden Tonfall entgleisen ihr dann auch schon mal die Pointen. Fanny Elßler? "Ein Wiener Würstel, das den Olymp erklomm." (Amalthea Verlag, Wien/München, 1984, 448 S., Abb., 44,– DM.)

Norbert Servos

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"Termush, Atlantik-Küste", Roman von Sven Holm. Ein Atomkrieg ist "überlebbar"! Wen hat dieser zynische Satz nicht schon in hilflose Wut versetzt? Die Science-fiction-Literatur hat zu diesem Thema bereits unzählbare Variationen geliefert. Die meisten Romane lassen die Handlung Generationen nach der Katastrophe beginnen und verstricken den Leser in eine abenteuerliche Geschichte von ungeahnten Möglichkeiten. Eine andere, wahrscheinlichere Vision beschreibt Sven Holm, ein dänischer Autor: Termush, ein Hotel an der Atlantikküste, wurde in der Zeit eskalierender Kriegsgefahr zu einem luxuriösen Schutzort für zahlungskräftige Privatpersonen ausgebaut. Für ein hohes Monatsentgelt konnte man sich hier einkaufen. Die Gäste werden in den Höhlen unter dem Hotel untergebracht, bis die Strahlungsgefahr abebbt. Danach können sie in ihre Zimmer, sogar in den Park zurück – wo jeder Zentimeter Rasen umgegraben, jeder Strauch abgeschnitten, jeder Stein von Strahlung "gereinigt" worden ist. Die Menschen sind apathisch, eingesperrt, abgeschirmt von den Verseuchten draußen. Der kleinste Windhauch erhöht die Gefahr. Tag für Tag sammeln die Wachleute tote Vögel im Park, verendete Fische am Strand. Verwundete und Kranke, die in immer größeren Gruppen kommen, werden zunächst aufgenommen, getrennt von den Gästen, aber als es zu viele werden, wehrt man sie mit Gewalt ab. Als letzte Rettung veranlaßt die Direktion die Flucht aufs Meer. Surrealistische Bilder, Träume, Symbole unterbrechen den Lauf der Erzählung. Nur sie können das Unbegreifbare noch andeuten. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel.(Verlag Neue Kritik, Frankfurt, 1984; 94 S., 12,– DM.) Elke von Radziewsky