Von Gerhard Spörl

Jetzt ist man ihm wieder auf der Spur. Zwar gibt es vorerst nur grobe Skizzen, Pnantombildem ähnlich, doch die Konturen schälen sich heraus. Vor allem über die Mentalität des Gesuchten sind sich die Fahnder im klaren: Der deutsche Wähler ist ein wankelmütiges Wesen, er ist leicht erregbar, er läßt sich von Stimmungen und Anwandlungen leiten und beansprucht mehr denn je umworben zu werden. Soweit sind die Fährtensucher aus den Parteien vorgedrungen. Allein in der weiteren Annäherung an das gesuchte Objekt unterscheiden sie sich. Die Grünen bleiben auch da Fatalisten. Sie machen sich durchaus Gedanken, warum sie nicht mehr wie selbstverständlich in der Gunst der Wähler stehen; ansonsten tun sie aber so, als sei nichts geschehen. Die SPD liegt ohnedies besser als vorhergesehen im Trend. Die FDP sieht sich längst rehabilitiert und zieht mit neunem, alten Selbstgefühl ihre Kreise.

Es ist derzeit an der Union, mit verbissenem Unterton Wandel und Erneuerung bei sich selber einzuklagen. Davon schreiben Lothar Späth und Kurt Biedenkopf in ihren effektvoll auf den Markt geworfenen Büchern. Die Bedeutungsschwere kommt dabei oft eher aus der angestrengten Sprache als aus der Tiefe des Gedankens. Doch auf die Analyse kommt es ja auch nicht unbedingt an. Wichtig ist und herausgelesen wird, was sich als Affront gegen die real existierende Regierung verstehen läßt.

Dazu passen diverse Belege, die in der Union nach den verlorenen Landtagswahlen dieses Jahres gesammelt worden sind. In Nordrhein-Westfalen kursierte jüngst eine kühne Wahlanalyse, die schon die Substanz der CDU als Volkspartei gefährdet wähnt. Erneuerung durch Nähe zum Volk ist die Empfehlung der Autoren: "Die CDU muß auch da sein, wo sich Menschen begegnen, Interessen artikulieren, Meinungen bilden, wo sie neue Ideen entfalten und die geistigen Auseinandersetzungen stattfinden."

Die Bonner Strategie der defensiven Machterhaltung löst den Verdruß der Unionswähler und -sympathisanten aus. Der eherne konservative Glaube, daß nur die "Sachen" – Wirtschafts- und Finanzpolitik allen voran – langfristig stimmen müßten und der Rest kurzlebige Psychologie sei, wirkt momentan nicht überzeugend. Jedenfalls stößt Helmut Kohl auf ungewohnte Skepsis, wenn er, wie jetzt gerade wieder in der Klausur seines Präsidiums, verbreitet, die Wahl 1987 werde kein anderes Ergebnis zeitigen als die von 1983.

Den miesen Umfragen kann man glauben oder nicht, erstaunlich bleibt die Selbsteinschätzung der Union nach genau drei Jahren der Bonner Regentschaft. Die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen beobachtet seit April 1983, wie die Regierung und ihre Akteure beurteilt werden. Die eindeutige Tendenz: Beider Wertschätzung läßt nach. Das ist keine vorübergehende Gemütsaufwallung, seit dem Frühjahr hat sich das Bild von der wuseligen, unsteten Regierung verfestigt, die sich selber im Wege steht. Im Februar 1985 lag die Bundesregierung in Umfragen (auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf) bei 0,2 Punkten; im April 1983 war sie immerhin bei einem Punkt gestartet. CDU/CSU-Anhänger geben ihr noch 2,4 Punkte; 2,7 Punkte waren es zwei Jahre zuvor gewesen. Ein schwacher Trost mag es sein, daß die SPD von ihren eigenen Anhängern ebenfalls ohne Überschwang betrachtet wird. Darin sind sich alle Parteien einig: Kritik der eigenen Gefolgschaft ist ein bedenkliches Zeichen – freilich nur aus der Binnensicht, nicht unbedingt für die Demokratie selber.

Die Hiobsbotschaften häufen sich. Gewiß muß man Einrichtungen wie das "ZDF Politbarometer" nicht überaus ernst nehmen. Sie liefern Momentanaufnahmen, Augenblicksbilder ohne Gewähr. Doch die Zahlen und Daten werden nun einmal monatlich in Bonn eifrig studiert. Anfang Oktober lag Helmut Kohl immer noch deprimierend am Nullpunkt, Johannes Rau bei stolzen 1,8 Punkten weit vor Gerhard Stoltenberg (1,4 Punkte). Die Stimmung ist also nicht flüchtig. Aller Erfahrung nach bilden sie sich langsam, aber stetig zu jener Grundstimmung aus, die 1987 mit wahlentscheidend sein kann.