Von Gunter Hofmann

Bonn, im Oktober

Feindseliges Schweigen, so empfindet es ein kluger und engagierter Hochschullehrer, herrsche zwischen Politik und Öffentlichkeit in der Bundesrepublik. Anfang der siebziger Jahre seien beide Seiten enger denn je miteinander verkoppelt gewesen. Unter Helmut Schmidt habe man sich entfremdet, die Kommunikation sei schwieriger geworden. Und seit Helmut Kohl regiere, schwiegen sich Politik und Öffentlichkeit eben an.

Beschreibt das eine dieser spürbaren, aber so schwer greifbaren, großen Veränderungen in der Politik und in Bonn? Der Kanzler würde es anders sehen. Öffentlichkeit heißt für ihn: die Mehrheit. öffentlicher Diskurs – das sind die Meinungen von Minderheiten, dieses vielstimmige Konzert, das solange angenehm ist, wie es nicht stört. Über solche Minderheiten hinweg möchte Kohl aber lieber, gut populistisch, die Brücke zu den Leuten direkt schlagen. Sie "reiben sich die Augen", meint er, wenn sie ihn unmittelbar, nicht nur in den Medien erleben.

Bonn und der Dialog mit der Öffentlichkeit – das ist eine wechselvolle Geschichte. Große Dispute und öffentliche Kontroversen hat es in der Bundesrepublik oft gegeben; manchmal war Bonn in der Lage, sie in Debatten aufzunehmen oder weiterzuführen. Das lag auch, aber nicht nur, an den großen Themen der Nachkriegszeit, dem Frage- und Antwortbedarf. Gelegentlich war Bonn sogar das Zentrum, in dem sich die politische Debatte abspielte, noch öfter stellte sich die Hauptstadt taub gegen den Diskurs in der Öffentlichkeit, all die diffusen Mitsprachewünsche, Diskussionen, die Vielstimmigkeit der veröffentlichten Meinung.

So lebendig wie in den Jahren der außerparlamentarischen Opposition ist der Diskurs aber nie vorher oder nachher geführt worden. Aus diesen Jahren sind viele Gesprächsbilder haften geblieben: Ralf Dahrendorf und Rudi Dutschke mit dem Megaphon in der Hand, Parlament und Basisdemokratie als Thema. Oder Habermas und Biedenkopf, Adorno und Offe, Augstein und Enzensberger, Sontheimer und Schelsky – ein einziger großer Diskurs war das, zunächst fern vom eingebunkerten Bonn der Großen Koalition, später näher dran.

Theoretiker wie Jürgen Habermas wollten trotz und wegen des "Strukturwandels der Öffentlichkeit" (1962) eben diese Öffentlichkeit als politische Kategorie retten. Solches Denken machte Ende der sechziger Jahre Karriere. Im rationalen Konfliktgespräch – im Diskurs – sollte der vernünftigste Weg gesucht, Politik wieder zur allgemeinen Angelegenheit gemacht werden. Praktiker wie Willy Brandt entschlossen sich, das große, integrierende Gespräch aufzunehmen.